Am vergangenen Freitag, einem frühherbstlichen Sonnentag, sitzen acht Leute um einen Tisch ganz hinten auf der Terrasse des Cafés vor dem Munchmuseum in Oslo. Ein hagerer Mann mit bärtigem Gesicht und haarlosem Schädel, der mit seiner dicken Brille einen sanften Eindruck macht, bildet den Fokus der Runde. Ein Fremder tritt hinzu und fragt: "Sind Sie Herr Sørensen?" Gunnar Sørensen, Direktor des Museums, springt wie von einer Tarantel gestochen auf. Hat der Fremde Nachrichten? Ist er gar ein Kontaktmann? Er zieht ihn außer Hörweite des Tisches und zischt: "Was wollen Sie? Wer sind Sie?"

Ach nein, es ist nichts. Der Fremde will nur seinen Gefühlen Ausdruck verleihen, ohne die rechten Worte zu finden. Er weiß keine Neuigkeiten, er hat keine Nachrichten von den beiden Gemälden, die drei Räuber vorletzten Sonntag aus der Sommerausstellung des Museums entwendeten. Eros & Thanatos heißt die Ausstellung: Liebe und Tod, das waren zwei große Themen des 1944 im Alter von 81 Jahren gestorbenen norwegischen Malers Edvard Munch.

In dem Bild der Madonna fließen die beiden Themen in eines zusammen. Es zeigt eine nackte Frau im Moment der Empfängnis. Ihre Arme, der eine hinter dem Kopf und der andere unter dem Rücken, verschwinden wie in moorigem Wasser. Ihre im Orgasmus geschlossenen Augen sind tief in ihre Höhlen versunken, als sei sie von einer tödlichen Krankheit gezeichnet.

Die Madonna ist auf dem Titelblatt der Ausstellungsbroschüre abgebildet. Sie ist auch das Titelbild des Museumskatalogs. Man kann sie im Museumsladen für 450 Kronen auf Manschettenknöpfen kaufen. Sie ist ein Markenartikel wie Der Schrei, Munchs berühmtestes Motiv. Diese Darstellung existenzieller Angst passte eigentlich nicht recht in die Sommerausstellung. Vermutlich hätten jedoch Touristen dauernd die Aufseher belämmert, wäre dieses berühmte Gemälde nicht auch zu sehen gewesen.

Die Räuber kamen um die Mittagszeit, pistolenfuchtelnd, Befehle ausstoßend. Sie wussten genau, wo die zwei Bilder hingen, steuerten auf sie zu, rissen sie von den Wänden und rannten zu einem wartenden Audi Combi. Warfen ihre Beute hinten hinein und brausten davon. Die Aufseher sagten hinterher aus, ihnen seien in den Tagen vor dem Überfall keine verdächtigen Personen aufgefallen, die den Tatort in Augenschein genommen hätten. Der Audi wurde unweit des Museums gefunden. Die Täter hatten den Inhalt eines Feuerlöschers in ihn geleert, um die Spurensuche zu erschweren. Polizeihunde verloren ihre Fußspuren bei einem Tennisclub. Die Tageszeitung Aftenposten zitierte einen Osloer Kunsthändler, der den Marktwert des Schreis auf 30 bis 40 Millionen und den der Madonna auf 20 Millionen Euro schätzte. Versichert waren die Bilder nicht.

Wenn es für einen Menschen so etwas wie ein Schicksalsbild gibt, dann ist es für mich die Madonna. Aus meiner frühen Kindheit haften mir zwei Erinnerungen so lebhaft wie in der letzten Nacht geträumte Träume im Gedächtnis. Einmal fiel ich von der Mole des Münchner Yachtclubs in den Starnberger See. Ich konnte noch nicht schwimmen. Ich machte unter Wasser die Augen auf. Da erblickte ich das Gesicht meiner Mutter, die mir hinterhergesprungen war. Es war von Wasser und Haar umwellt wie das der Madonna. Die zweite Erinnerung verschwimmt mit der ersten. Es ist die Madonna bei uns zu Hause, über dem Blüthnerflügel im Wohnzimmer. Ich wuchs mit dem Bild auf.

Nicht mit dem jetzt gestohlenen. Munch malte die meisten seiner Motive mehrere Male. Vom Schrei gibt es vier Versionen, von der Madonna fünf. Eine ist eher skizzenhaft, unfertig. Die anderen vier sind sich so gleich und doch so unterschiedlich wie eine Sinfonie, die vom selben Dirigenten mit verschiedenen Orchestern in verschiedenen Konzerthallen aufgeführt wird. Eine gehört einer norwegischen Familie, eine zweite hängt in der Nationalgalerie in Oslo, die dritte gehört einem amerikanischen Privatsammler. Dann ist da die des Munchmuseums. Und "unsere". Heute ist sie in der Kunsthalle in Hamburg zu sehen.

Wie kam sie in unser Haus? Mein Großvater war ein kunstsinniger hanseatischer Kaufmann. Er sammelte in den zwanziger Jahren Expressionisten. Die 1894 gemalte Madonna war seine wichtigste und schwierigste Erwerbung. Munch war bereits ein anerkannter und teurer Künstler. Mein Großvater starb über den Kaufverhandlungen mit der Kunsthandlung Commeter. Die wurden erst nach seinem Tod zu Ende gebracht.