Früher bin ich sehr oft per Anhalter gereist. Ich weiß nicht, ob das irgendwo anders so gut geht wie in Island. Trampen war ein großartiger Test für mich. Wenn man immer sicher und unter Freunden ist, in einer vertrauten Umgebung, erfährt man viele Dinge nicht. Wenn man aber zu jemandem ins Auto steigt, den man nie zuvor gesehen hat, erfährt man einiges über sich selbst. Einmal bin ich ganz um Island herum gefahren. Ich hatte wenig Geld dabei – und als ich wiederkam, hatte ich mehr als bei meiner Abreise. Überall, wo ich hinkam, bot man mir Arbeit an. Die ersten Leute, die mich mitnahmen, hatten kurz zuvor einen Wasserlauf mit Lachsen geerbt. Aber sie hatten noch nie geangelt. Ich zeigte ihnen, wie das geht. Dann passte ich eine Woche lang auf ihre Kinder auf, während sie fischen gingen. Sie bezahlten mich dafür. Ich fuhr weiter und kam zu einem Café am nördlichsten Punkt von Island, wo nur eine einzige Frau lebte, die dort arbeitete. Ein Verwandter von ihr war gestorben. Sie bat mich, den Laden zu hüten, damit sie zur Beerdigung fahren konnte. Also blieb ich für eine Woche. Und so ging es weiter. Als ich zurückkam, hatte ich die ganze Zeit gearbeitet. Aber ich hatte auch mehr Energie.

Mit 13 kaufte ich mir von meinem ersten selbst verdienten Geld ein Zelt. Ich hatte schon als Teenager ein reges Sozialleben und spielte in vielen Bands. Wenn ich meine Ruhe brauchte, stellte ich mich an die Straße. Ich fuhr nicht besonders weit, vielleicht ein paar Autostunden. Dann ging ich ein paar Stunden von der Straße weg und baute mein Zelt auf. Ich war manchmal einfach zwei, drei Trage draußen, ganz allein. Ich hatte einen Beutel Haferflocken, einen Beutel Kaffee, einen Löffel, einen Topf und einen Gaskocher dabei. Das war genug. Man kann in der Nähe eines Flusses campieren. Wenn man Hunger hat, kocht man sich ein paar Haferflocken, oder man angelt. Am liebsten aber wanderte ich und sang dabei. Mal laut, mal leise, manchmal flüsterte ich auch nur.

Für mich ist jeder Mensch, wenn er singt, etwas Besonderes. Selbst wenn er im Fußballstadion steht und "Olé, olé, olé!" ruft. Ich hoffe natürlich, dass er noch mehr kann. Aber Singen muss nicht technisch perfekt sein. Singen ist einfach ein großartiges Gefühl. Ich mag es zum Beispiel, wenn ich mit Freunden ein paar Drinks hatte und wir zu singen beginnen. Wir machen einfach Geräusche mit unserem Mund. Das klingt etwa so:
"A-ah, A-a-ah."
"O-oh, O-oh, O-oh."
"U, ah, U-U-ah."
"Tsssst Tsssst, Tssst."
"Tschk Tschkahh."
Wenn man das als Gruppe macht, bringt es großen Spaß, nach einer Weile verliert man sich völlig darin. Besonders Leuten, die es nicht so oft tun, gibt schon der körperliche Aspekt des Singens enormes Wohlbefinden.

In letzter Zeit habe ich mich von immer mehr Instrumenten und Werkzeugen verabschiedet. Ich wollte etwas finden, das weiter zurückreichte als Politik, weiter als Religion. Bei manchen Liedern dachte ich an eine Zeit vor 10000 Jahren. Ich stellte mir vor, wie wir alle nackt und mit langen Haaren in einer Höhle sitzen und zusammen singen. Vielleicht verflechten sich dabei unsere Haare miteinander. Aber auch in der Gegenwart gibt es solche Momente. Oft, wenn ich mit meinen Freunden in einer Bar sitze, stellen wir fest, dass wir die Außenwelt nicht mehr brauchen. Wir drehen einfach die Musik ab und singen. Da sind wir schon in unserer Höhle.

Ich glaube, man kann mit vielen Instrumenten gute Musik machen. Aber bei einer Sache sind wir alle Experten, ohne uns dessen überhaupt bewusst zu sein: bei der Stimme. Du bekommst einen Telefonanruf, vielleicht von einem Sachbearbeiter deiner Bank, und du kannst dir sofort vorstellen, was für eine Art Mensch das ist. Sein Alter und Geschlecht. Ob er vielleicht müde ist, ärgerlich oder glücklich. Ob er vielleicht schon seit Jahren schlechte Laune hat. In dieser Hinsicht ist jeder von uns ein Profi. Mit unserer Stimme drücken wir uns ununterbrochen aus. Säuglinge machen zuerst "auoauoau aoau maoaoao". Diese Art von Geräuschen. Sie erkunden die Möglichkeiten. Irgendwann entdecken sie, dass sie schreien können. Dann probieren sie, wie weit sie gehen können.

Früher dachte ich, Politik sei unwichtig für die Musik. Ob die Grünen an der Macht sind oder eine andere Partei – das verändert nicht die Gestalt der Berge. So sollte auch Musik bleiben, was sie ist, fand ich. Vielleicht hat die weltpolitische Entwicklung der letzten Jahre mich doch stark beeinflusst. Ich will nicht die ganze Zeit Angst vor Terroristen haben oder an George Bush denken. Ich möchte dem eine bessere Art entgegensetzen, wie man seine Zeit verbringen kann.

Politiker glauben, 90 Prozent der Menschen sollten die Welt mit ihren Augen sehen. Aber ihr Standpunkt repräsentiert vielleicht drei Prozent der Menschheit. Die anderen 97 Prozent sind Menschen, die sehr hart arbeiten und versuchen, zu überleben. Menschen machen Musik, die schlecht ist. Oder gut. Menschen machen Sport, sie erzählen gute und schlechte Witze. All diese anderen Dinge geschehen in der Welt. Politik ist nicht die einzige wichtige Sache. Pflanzen wachsen, Berge existieren. Das Universum macht sein Ding.

In New York habe ich vor zwei Jahren ein Haus gefunden, eine halbe Stunde von Manhattan entfernt. Es steht im Wald, an einem Fluss. Wann immer ich will, kann ich in die Stadt fahren und kosmopolitisch sein. Einmal die Woche ziehe ich hochhackige Schuhe an, trage Lippenstift auf und bin urban. Ich mag Extreme. Aber ein paar Stunden später muss ich da wieder raus.