Tran Duong hält sich nicht lange mit Begrüßungsformeln auf. "Lesen Sie das zuerst!", befiehlt er und drückt dem unbekannten Besucher ein zerknittertes Blatt Papier in die Hand. In bestem Englisch und feinster Schrift hat Duong dort die Geschichte des Hauses notiert, das seine Familie seit 100 Jahren bewohnt. Mitte des 19. Jahrhunderts von französischen Kolonialisten erbaut, zogen die Trans bereits 1910 ein; 1940 wurde Duong hier geboren und zehn Jahre später seine Schwester; heute lebt die vierte Generation seiner Familie zwischen den alten mit Intarsien aus Elfenbein und Perlmutt verzierten Möbeln. Das Haus überstand erst den Krieg mit den Franzosen unbeschadet und dann den mit den Amerikanern. Es steht in Hoi An, nicht weit vom Ben-Hai-Fluss, welcher die "demilitarisierte Zone" markiert, die im Vietnamkrieg blutig umkämpfte Grenze zwischen dem kommunistischen Norden und dem von den Amerikanern gestützten Süden. Hoi Ans Bewohner leben am und mit dem Fluss

Duong konnte sich weitestgehend heraushalten, aus den Wirren des Krieges und der chaotischen Zeit danach. "Ich bin Mathematiklehrer", erklärt er, "und einmal eins ist immer eins – egal, welches ideologische Regime gerade herrscht." Auch als die Kommunisten das Land von Norden her in Besitz nahmen, hatte Duong keine Probleme – anders als viele seiner Kollegen, die Geschichte oder Politik unterrichtet hatten. Einige von ihnen flohen in den Westen, meist in die USA, andere verbrachten Jahre in Umerziehungslagern und wurden danach Reispflanzer oder Rikschafahrer.

"Eine Fledermaus steht für Glück. Und Glück braucht man hier"

Auch die Stadt selbst wurde vom Krieg verschont. An einem versandeten Fluss nahe dem Chinesischen Meer gelegen, war sie strategisch uninteressant für die Okkupanten des 20. Jahrhunderts. Anders als die meisten Städte in Vietnam verfügt Hoi An heute über eine intakte historische Altstadt. 1999 hat sie die Unesco zum Weltkulturerbe erklärt und einer neuen Invasion den Boden bereitet – der des Tourismus. Dabei war der Besuch Hoi Ans für Westler bis Ende der achtziger Jahre noch verboten. Erst seit 1991, nach der Öffnung des Landes, strömt jedes Jahr eine Flut an Ausländern in das von Reiseführern als "Freilichtmuseum" gefeierte Städtchen am Thu-Bon-Fluss.

Trotz der plötzlich hereinbrechenden modernen Zeiten hat Hoi An zu einem gut Teil seinen ursprünglichen, fast dörflichen Charakter bewahrt. Mit Gleichmut scheinen die rund 800 historischen Wohnhäuser der Altstadt die neue Aufmerksamkeit zu ertragen, die sie plötzlich von den fremden Besuchern bekommen. Unter chinesisch geschwungenen, graubraunen Ziegeldächern blicken sie müde aus ihren blau lackierten Fensterläden hinab auf das Treiben zu ihren Füßen. Wie seit hunderten von Jahren zwängen sich hier morsche Holzkarren durch die engen Gässchen, treiben barfüßige Jungs urzeitlich wirkende Wasserbüffel durch die Straßen, kehren Frauen mit krummen Rücken die Holzveranden vor ihren Geschäften.

Ja, es gibt sie noch, die Ecken, in denen Hoi An wirkt wie eine mittelalterliche asiatische Provinzstadt. Unten am Fluss zum Beispiel, bei den vielen kleinen Garküchen, wo Matronen pünktlich zur Mittagszeit aus bauchigen Töpfen Cao Lau servieren, eine würzige Nudelsuppe mit Sojasprossen und Schweinefleisch. Doch wie keine andere Stadt Vietnams steht Hoi An auch für den Wandel, der das 80 Millionen Einwohner zählende südostasiatische Volk erfasst hat: Überall an der Küste entstehen neue Hotels, Souvenirshops und Touristenrestaurants, um in möglichst kurzer Zeit jene Entwicklung nachzuholen, für die Thailand einst Jahrzehnte brauchte.

Auch Duong hat sich auf die neuen Zeiten eingestellt. Als er vor zehn Jahren in Rente ging, beschloss er, sein Haus für Besucher aus dem Westen zu öffnen. "Irgendetwas musste ich schließlich tun mit meiner freien Zeit", erklärt er. Und da er fließend Englisch und Französisch sprach und sich schon immer für das Fremde und die Fremden interessiert habe – was lag näher? Zunächst habe er immer wieder seine Geschichte erzählt, die seiner Familie und des kolonialen Hauses. Wie er damals mit den Franzosen, den Nachbarn der Trans, am Fluss spielte und wie aus den Nachbarn schließlich Feinde wurden, die spätestens 1954, nach der Entscheidungsschlacht in Dien Bien Phu, fliehen mussten. Als sich immer mehr Touristen dafür interessierten, beschloss der rationale Mathematiker, seine Geschichte aufzuschreiben. "Ich wollte nicht alles zehnmal erzählen", sagt er und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe.

Wenn die Besucher fertig sind mit dem Lesen, sammelt Duong seine Blätter wieder ein und verstaut sie in einem kleinen Karton. Dieser steht gleich neben dem Stapel verstaubter Schulbücher aus sechs Jahrgängen, auf deren Rücken die bauchige Schrift der sechziger Jahre prangt: Mathématique. Doch nicht nur für die Welt der Zahlen kann sich der 64-Jährige begeistern. Wenn er mit seinen Gästen auf die Straße tritt, fordert er sie auf, die Augen zu schließen und sich für einen Moment vorzustellen, in Paris, Marseille oder Nizza zu sein. Und tatsächlich könnte man das Gefühl haben, in einer französischen Kleinstadt zu stehen, wenn man die Augen wieder öffnet und die Häuser des Straßenzugs erblickt, mit ihren runden Torbögen, ihren klassizistischen Balustraden, den aus der Wand ragenden Pilastern. Nur die roten chinesischen Lampions, die Duong am Vordach seines Balkons befestigt hat, holen einen wieder zurück nach Asien.