Fünfzig Imame aus ganz Frankreich waren in der Großen Moschee zu Paris zusammengekommen, um für die Freilassung der beiden entführten französischen Journalisten im Irak zu beten. Die Drohung der Islamischen Armee im Irak, die Geiseln zu töten, falls die Regierung das gesetzliche Kopftuchverbot in Schulen nicht zurücknimmt, hat unter fünf Millionen Muslimen Frankreichs eine staatsbürgerliche Empörung ausgelöst, wie sie die fünfte Republik noch nicht erlebt hat. Sämtliche der sonst überaus zerstrittenen Gruppen im Zentralrat der Muslime haben sich hinter ihr Land gestellt. Nachdem sie zuvor oft ausweichend auf Terroranschläge reagiert hatten, ist ihre Verurteilung der Entführer als Feinde des Islams unmissverständlich. Selbst die größte und radikalste Islam-Union, die bislang das Kopftuchverbot ablehnte, rief ihre Mitglieder jetzt zur Gesetzestreue auf.

Mit ihrer Propaganda gegen das neue Gesetz, so räumen muslimische Wortführer neuerdings ein, hätten sie das fatale Missverständnis in der arabischen Welt provoziert, dass in Frankreich der Islam unterdrückt werden solle. Nunmehr bekräftigen sie, dass alle Glaubensrichtungen an den Grundsatz der staatlichen Neutralität in Religionsfragen gebunden sind.

Dankbar hat Frankreich auch die breite Unterstützung aus der arabischen Welt aufgenommen. Forderungen nach Befreiung der Geiseln kamen gleichermaßen von der Islamischen Konferenz in Dschidda, vom schiitischen Oberhaupt in Beirut, von Jassir Arafat wie auch von geistlichen Oberhäuptern aus Kairo oder Bagdad. Selbst der schiitische Rebell Mokhtada al-Sadr nannte die Entführung unmenschlich und unmoralisch und forderte die Freilassung der Journalisten.

Der Schock des Geiseldramas hat unter Frankreichs Muslimen auch die letzten Restsympathien für Fundamentalisten zerstört. So besteht Grund zur Hoffnung, dass künftig selbst die erbittertsten Gegner des Kopftuchgesetzes anerkennen, wie wichtig der französische Laizismus im Kampf gegen den Fanatismus ist.