Nichts, jedenfalls nichts Parteipolitisches zum Ausgang der Wahl im Saarland! Aber eine Bemerkung zu einem Leitbegriff, der nun leider auch bei der Kommentierung dieser Wahl eine fatale Rolle spielt – nur, dass niemand die Fatalität wahrnehmen will. Es hätten, so heißt es da und dort, die „bürgerlichen Parteien“ einen großen Erfolg errungen, also: die CDU und die FDP.

Fällt denn niemandem auf, dass auf diese Weise der Begriff „bürgerlich“ zu einem Kampfbegriff umgemünzt wird? Die einen sind bürgerlich – und daher Bürger; die anderen sind nicht bürgerlich – und also keine Bürger? Aber was sonst?

Staatsbürger sind wir alle, staatsbürgerliche Verantwortung tragen wir alle gleichermaßen – und insofern gehören wir alle zum Bürgertum dieser Republik. Wir wählen zwar unterschiedliche Parteien – aber bürgerlich wählen wir alle, so wir nicht ausgepichte Verfassungsfeinde sind. Wer aber das Schmuckwort „bürgerlich“ nur für bestimmte Parteien reservieren will, betreibt eine verbale Ausgrenzungspolitik. Es gehört freilich zu den Treppenwitzen der parteipolitischen Geistesgeschichte, dass zum Beispiel viele Sozialdemokraten selber ihre politischen Opponenten als „bürgerlich“ bezeichnen und sich an dieser (Selbst-)Ausgrenzung auch noch beteiligen – nur um sich bei anderer Gelegenheit darüber zu beschweren.

Aber was soll man stattdessen sagen, wenn man CDU/CSU und FDP gemeinsam charakterisieren will? Konservativ? Das wollen die Liberalen nicht sein. (Aber auch viele „Sozialdemokraten“ in der Union nicht.) Christlich? Das sind mitunter nicht einmal Christdemokraten und die FDP würde erst recht protestieren. Also: bürgerlich? Dazu siehe oben!

Es kommt hinzu, dass man mit „bürgerliche Parteien“, jedenfalls, wenn der Begriff aus der linken Mitte heraus verwandt wird, durchaus etwas Kritisches, ja Abwertendes meint. Aber dafür das schöne Wort vom „Bürgertum“ verhunzen?

Die Sache hat einen tieferen Hintergrund, nämlich die verspätete Herausbildung des Bürgertums in Deutschland. Deswegen reden wir ja heute auch fortwährend von der Zivilgesellschaft – zum Teil deshalb, weil wir gedankenlos (vor allem in der Friedensbewegung) den amerikanischen Begriff civil society vor allem als nicht-militärische, also zivile Gesellschaft übersetzt haben, was natürlich ein Unfug ist, denn civil (oder civic ) in diesem Zusammenhang heißt nichts anderes als: bürgerlich . Da das seit einiger Zeit einigen Leuten auffällt, reden sie nun schon – welch’ weißer Schimmel! – von der Bürgergesellschaft, als ob sich nicht jede Gesellschaft schon per Definition aus Bürgern zusammensetzte.

Kurz und gut, es wäre an der Zeit, dass die Deutschen ihre Verklemmungen lösten und sich endlich als das erkennten, was sie sind: Bürger allesamt! Wer es nicht tut, der outet sich nämlich als – Spießbürger.