Gäbe es so etwas wie eine politische Teflon-Beschichtung - es müsste eine Erfindung der Grünen sein. Während ihr sozialdemokratischer Koalitionspartner unter dem Eindruck der Proteste gegen die laufenden Sozialreformen von den Wählern mit aggressivem Liebesentzug bestraft und in eine dramatische Existenzkrise  gestürzt wird, hat sich die Öko-Partei in sicherer Zweistelligkeit unerschütterlich als drittgrößte Kraft auf der Parteienrangliste etabliert.

Auch die orkanartigen Unmutsausbrüche gegen Hartz IV können der Prosperität der Grünen nichts anhaben - obwohl sie als Regierungspartei dafür nicht weniger Verantwortung tragen als der größere Koalitionspartner. Nicht nur die grüne Partei, auch das Image der grünen Kabinettsmitglieder selber aber wird von der Volkswut gegen "die da oben" offensichtlich nicht angekratzt. Die grünen Minister stehen mit ihren Ressorts für positiv besetzte Themen wie umweltverträgliche Zukunftstechnologie, Verbraucherschutz und eine von humanistischer Rhetorik strotzenden Außenpolitik. Joschka Fischer hat sich längst in die höheren Gefilde des Welt-Staatsmanns verabschiedet und glänzt in den Verteidigungsschlachten um Hartz IV durch auffällige Abwesenheit.

Dem Grünen-Vorsitzenden Reinhard Bütikofer gelingt es geschickt, seine grüne Truppe in der Etappe zusammenzuhalten und ihr dabei noch den Nimbus des eigentlichen Reformmotors in der Koalition zu verschaffen. Die Grünen bringen das Kunststück fertig, einerseits moderate Verbesserungsvorschläge an Hartz IV - vor allem nach mehr Zuverdienstmöglichkeiten für Arbeitslosengeld II-Empfänger - zu lancieren und sich andererseits als feste Säule der Durchsetzung der umstrittenen Reform zu präsentieren.

Während die SPD durch die Turbulenzen um Hartz IV schwer derangiert ist und die Union plötzlich mehr einem auseinanderstiebenden Hühnerhaufen als einer zur Machtübernahme bereiten, geschlossenen Formation gleicht - und von der FDP, wie immer, wieder mal gar keiner redet -, können sich die Grünen entspannt zurücklehnen und zusehen, wie sich die politischen Konkurrenten im Hartz IV- Fieber aufreiben. Denn die grüne Wählerklientel ist von der grassierenden Panik vor einem drohenden Sozialabsturz weit weniger betroffen als große Teile der Stammwählerschaft  der SPD, aber auch der von CDU und CSU. Eine kürzlich veröffentlichte Studie belegt, dass das Durchschnittseinkommen von Grün-Wählern deutlich höher liegt als das der FDP-Anhänger. Die Grünen sind die wahre Partei der Besserverdienenden und zehren doch immer noch vom Nimbus, von nichts als moralischem Idealismus angetrieben zu sein. Der relativ sichere soziale Status der grünen Anhängerschaft erklärt sich nicht  aus dem legendär hohen Anteil verbeamteter Lehrer  in ihren Reihen. "Ich verrate Ihnen mal ein Geheimnis", sagte Joschka Fischer jüngst in einem Spiegel -Interview: "In Marburg, Frankfurt, Köln und anderswo sind wir schon seit der Gründung auch in gutbürgerlichen Gegenden, um nicht zu sagen: reichen Gegenden, gewählt worden. Und das, obwohl wir immer für soziale Gerechtigkeit eingetreten sind und nie Klientel-Politik für Besserverdienende à la FDP gemacht haben." Das Milieu der Grünen ist weithin mittelständisch geprägt - von wohlhabenden Bürgern, die sich für unkonventionell  halten und sich ein gutes ökologisches und soziales Gewissen leisten wollen und können. Aber auch eine Art grünes Unternehmertum und ökologischer Wirtschaftslobbyismus  ist längst entstanden: Dazu gehören etwa die Erbauer und Betreiber von Windkrafträdern, deren Produkte dank der Grünen mit hohen Subventionen und Vergünstigungen auf den Markt gedrückt werden. Ähnliches gilt für Bio-Bauern, die von Renate Künasts "Agrarwende" profitieren.

Die Einsicht, dass bestimmte Standards wohlfahrtsstaatlicher Versorgung nicht mehr zu halten sind, schockt den grün sozialisierten Wähler auch deshalb weniger, weil die Rhetorik der Einschränkung einst zur Gründungsmelodie der Ökopartei gehört hat. Waren die Grünen nicht aus dem Pathos der Wachstums- und Wohlstandskritik entstanden, stand an ihrem Anfang nicht die Prophezeiung, ohne die Verabschiedung des allgemeinen Anspruchsdenkens und Wohlstandsvermehrungsstrebens werde die moderne Konsumgesellschaft katastrophisch kollabieren? Sicher, der Grüne von heute ist längst kein romantisch antimoderner Revolutionär mehr, dessen Lebensideal  darin besteht, in Sack und Asche, sprich Latzhose und Korbsandalen gekleidet, im Kreise seiner Landkommune  eigenhändig vollkornwertiges Brot zu backen. Auch hätte er sich vor zwanzig Jahren nicht träumen lassen, dass das ersehnte Wohlstands-Abbauprogramm ausgerechnet mit dem Herunterfahren der sozialen Sicherungssysteme beginnen würde. Aber auf Zeiten der Veränderung, die mit materiellen Einbußen verbunden sind, ist das grüne Bewusstsein grundsätzlich besser vorbereitet als das kollektive Ego der sozialen Besitzstandswahrer rund um die großen "Volksparteien", das noch aus der ganz, ganz alten Bundesrepublik stammt.