Es kommt einem heiligen Ritual gleich, wenn am 1. September in Russland die Erstklässler mit Luftballons, fröhlichen Quizfragen und Geschenken eingeschult werden. Doch im nordossetischen Städtchen Beslan stürmte am Mittwochmorgen eine Gruppe bewaffneter Kämpfer mit Maschinengewehren und Granatwerfern eine Schule. Ein Terrorüberfall, der endgültig Präsident Wladimir Putins größte Errungenschaft der letzten fünf Jahre erschütterte: Er gab den Menschen das Gefühl, wieder in einem stabilen Land zu leben. Die schweigsame Zurückhaltung, mit der Putin bisher reagierte, zeigt auch den vergeblichen Wunsch, mit dem Terror nicht direkt in Verbindung gebracht zu werden. Denn der Tschetschenienfeldzug im Herbst 1999 hat Putin als Russlands politischen Retter groß gemacht. Sicherheit und Ruhe versprach er damals den Bürgern.

Stattdessen drang die Gewalt bis nach Moskau. Vor knapp zwei Jahren überfielen tschetschenische Geiselnehmer ein Musicaltheater. Selbstmordattentäterinnen sprengten sich bei einem Rockkonzert und in der U-Bahn in die Luft. Vor einer Woche dann, am 24. August, zündeten vermutlich Tschetscheninnen an Bord zweier Inlandsflüge Bomben und rissen 88 Menschen mit in den Tod. Die Flugzeuge waren vom modernsten und vorgeblich sichersten der Moskauer Flughäfen, Domodjedowo, aus gestartet. Eine Woche später tötete vermutlich eine Tschetschenin mit ihrem Sprengsatz neun Menschen vor der Moskauer U-Bahnstation Rischskaja. Die Botschaft der Terroristen ist offensichtlich: Niemand soll sich mehr sicher fühlen.

Der Terror in Russland versorgt sich auch aus internationalen Quellen mit Geld und Söldnernachschub. Für die letzten Selbstmordanschläge hat die Terrorgruppe "Islambuli-Brigade" die Verantwortung übernommen. Doch die radikal-islamistische Gewalt hat sich erst durch die dreizehnjährige Verheerung Tschetscheniens wie ein Giftpilz ansiedeln können. Die verfehlte Nordkaukasuspolitik Russlands, die in zwei Kriegen geschätzt zwischen 30.000 und 180.000 Menschenleben gekostet hat, aber auch die selbstzerstörerische Kriminalisierung der zwischen 1996 und 1999 de facto eigenständigen Republik haben Tschetschenien zum Explosionsherd der Gewalt gemacht. Die Präsidentschaftswahl am vergangenen Sonntag bot den Anlass für die neue Terrorserie.

Denn die Wahl ist der Versuch des Kremls, einen politischen Normalisierungsprozess zu simulieren. Die Abstimmung im Zielfernrohr der Scharfschützen verlief nach Plan, nachdem der einzig ernsthafte Gegenkandidat des Kremlfavoriten zuvor wegen eines falschen Behördeneintrags in seinem Ausweis von der Kandidatenliste gestrichen worden war. Zum Sieger der Wahl, der Bundeskanzler Gerhard Schröder ohne Not noch einen Blankoscheck der Unbedenklichkeit ausstellte, wurde der bisherige Innenminister Alu Alchanow ausgerufen. Der Karrierepolizist fühlt sich besonders wohl, wenn er im Kreml Befehle entgegennehmen darf. Zu Hause muss er sich mit dem Sohn seines von Terroristen ermordeten Vorgängers, Ramsan Kadyrow, arrangieren. Denn der befehligt eine persönliche Sicherheitstruppe von mehreren tausend Mann, die viele Tschetschenen mittlerweile mehr fürchten als die russischen Streitkräfte. Kadyrow verkündet zwar vollmundig, Tschetschenien werde bald die friedlichste aller Republiken sein. Doch noch immer verschwinden täglich Menschen, oftmals verschleppt von maskierten Sicherheitskräften. Viele tauchen nie wieder auf: "Hier herrscht noch die Todesstrafe, allerdings ohne Gerichtsurteil", resümiert ein Mitarbeiter der Menschenrechtsorganisation Memorial.

Die Täter können auf Straflosigkeit zählen. Moskau bietet weder rechtsstaatliche Sicherheit noch eine demokratische Gesellschaft. Vor kurzem wurde dem Chefredakteur der letzten unabhängigen tschetschenischen Zeitung nahe gelegt, das Erscheinen einzustellen. Seine Artikel über Entführungen und Folter, ließ das Innenministerium der Nachbarrepublik Inguschetien mitteilen, würden das seelische Befinden der Jugend negativ beeinflussen.

Dabei hat die willkürliche Gewalt schon längst massiv auf Inguschetien übergegriffen. In der Nähe von Slepzowskaja beschoss ein Hubschrauber am 25. März ohne Warnung vier junge Männer: Ein 20- und ein 16-Jähriger starben. Dutzende von Menschen wurden allein in diesem Jahr verschleppt. Menschenrechtsorganisationen haben in einigen der Fälle den Geheimdienst FSB im Verdacht.

Bei einer Racheaktion in der Nacht des 21. Juni übernahmen mehrere hundert Kämpfer, darunter viele Inguscheten, für Stunden die Gewalt über die Hauptstadt Nasran und exekutierten zielgerichtet Mitarbeiter der Sicherheitsdienste. Ausländische Hilfsorganisationen verlegten daraufhin ihre Büros ins vermeintlich sichere Nordossetien. Dort nun spielte sich das Geiseldrama in der Schule ab.