"Die EU ist wie ein Teenager: zwei Nummern größer als die Kleider." Was künftige Erweiterungsschritte der Europäischen Union anbelangt, ist Peter Balazs, ungarischer Botschafter bei der  Europäischen Union, skeptisch. Ein Thema für die bevorstehende Erweiterungsrunde der EU ist dabei besonders heikel: die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei.

Tatsächlich wird es bald Ernst: Die Regierungschefs wollen noch vor November einen Bericht vorlegen. Darin soll beurteilt werden, ob die Türkei die Voraussetzungen für die Aufnahme von Verhandlungen erfüllt. "Es geht um die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen und nicht um einen  EU-Beitritt", erklärt Mesut Yilmaz, ehemaliger Ministerpräsident der Türkei. Beim Europäischen Forum Alpbach im österreichischen Tirol erzählt Yilmaz, dass er bereits im Jahr 1986 für einen Vollbeitritt der Türkei geworben hat, 1999 in Helsinki wurde dem Land der offizielle Kandidatenstatus verliehen. Der Gipfel in Luxemburg im Jahr 1995 brachte die Wende. "Da hieß es plötzlich: Du bist fähig für die EU, aber wir möchten lieber eine Sonderbeziehung mit dir". Eine Sonderbeziehung ist für Yilmaz allerdings keine Option. Sie scheint ihm ebenso überflüssig wie die Diskussion, ob die Türkei kulturell zu Europa gehören könne.

Überdehnt sich Europa?

Dass Kultur und Geografie keine Kriterien für oder gegen eine Aufnahme  von Beitrittsverhandlungen mit dem etwa 68 Millionen Einwohner umfassenden Land sein können, weiß auch Ursula Stenzel, Mitglied des Vorstands im Europäischen Parlament und Abgeordnete der Europäischen Volkspartei. Dennoch kann die Politikerin weiteren Schritten der Türkei in Richtung EU nichts abgewinnen. Sie sieht die Gefahr einer  Überdehnung der Europäischen Union und befürchtet, dass eine andere  Lösung gefunden werden muss – "eine Lösung, die die Türkei nicht vor den Kopf stößt und die EU nicht überfordert." Die Besorgnis der ehemaligen Fernsehjournalistin ist nicht zu überhören. "Der Rat hat sich hier auf einen gefährlichen Weg begeben. Es ist schwierig, einem Land den Kandidatenstatus zu verbriefen und wieder zu entziehen."


Genau das läuft Mehmet Yilmaz zuwider. "Erst mal schießen und dann Ziel  nehmen, das geht nicht. Die Entscheidung ist gefallen", so der  Soziologe, der in Köln studiert hat und heute an der Universität Bochum  lehrt. Er fordert, dass die Türkei wie alle anderen Kandidaten  beurteilt wird. Doch auch in diesem Punkt scheiden sich die Geister, denn die Türkei ist für viele ein Sonderfall. Etwa für Franz Fischler,  scheidender Agrarkommissar der Europäischen Kommission. "Im Falle der Türkei ist es notwendig, auch zu prüfen, ob ein Beitritt nicht die  bestehende EU aus den Angeln hebt. Ob eine solche Erweiterung verkraftbar für die Europäische Union ist." Fischler kann sich allerdings vorstellen, auch innerhalb Europas Änderungen vorzunehmen, um einen Beitritt des Riesen zu bewältigen: "Das ist ja auch deshalb wichtig, weil die Stimmung in Europa gegenüber der Türkei nicht gerade  die allerbeste ist."

Die schlechte Stimmung ist nichts Neues. Yilmaz zufolge benutzen 99  Prozent der Türkei-Gegner als Hauptargument den Religionsunterschied, und in Wahlkampfzeiten werde zudem versucht, mit einem konservativen, pro-christlichen Erscheinungsbild Stimmen zu holen. "Dabei würde eine Aufnahme der Türkei verhindern, dass die EU in Zukunft als europäischer  Kreuzfahrerzug gesehen wird", meint der ehemalige Ministerpräsident. Er bedauert, dass sein Land als islamische Nation betrachtet und  gefürchtet wird, obwohl die Türkei eine laizistische Republik ist und als solche europäischer sei als einige Mitgliedsstaaten. Die Frage, ob nur Christen Europäer sind, untermauere die Gleichberechtigung aller  Nicht-Christen.

Allem voran die Sicherheit