Die ersten Umfragen nach dem Parteitag der Republikaner haben einen zweistelligen Abstand in Prozentpunkten zwischen Präsident Bush und dessen Herausforderer John Kerry ergeben. Der Kandidat der Demokraten hatte dagegen in den ersten Tagen nach seiner Aufstellung Ende Juli nur zwei bis vier Prozentpunkte mehr in den Wahlumfragen erhalten – ein historisches Tief an Zustimmungsgewinn für einen Präsidentschafts-Herausforderer nach der Nominierung.

Bushs Aufwärtstrend trotz der fortgesetzten Hiobsbotschaften aus dem Irak und trotz flauer bis schlechter Konjunktur- und Sozialdaten liegt weniger in der Wortgewaltigkeit des für seine Patzer bekannten Präsidenten begründet als vielmehr in der ideologischen Kraft seiner Botschaft: Der Präsident hat es verstanden, in 60 Minuten das Selbstverständnis von 50 Prozent der amerikanischen Bevölkerung auf den Punkt zu bringen und dem widersprüchlichen Status quo einen höheren Sinn zu geben. Bushs Rede war aber auch der Blüte bringende Regen auf einem Feld, das durch die Ereignisse des 11. September, aber auch durch konservative Multiplikatoren in den Medien und in den Think Tanks auf das Beste ideologisch bestellt ist.

Bush schlug seinen Wahlkampf-Gegner Kerry am Donnerstagabend in drei entscheidenden Punkten durch eine geschickte Kombination von Emotion, Vision und Einfachheit:

Innenpolitik: In allen innenpolitischen Bereichen setzte er auf die klassische konservative Denkfigur „Selbstverantwortung ist besser als staatliche Reglementierung“. So sollen beispielsweise die Vereinfachung des Steuerrechts und individuelle finanzielle Vorsorge für Krankheit und Alter den Bürgern Selbstbestimmung und Gestaltungsfreiheit zurückgeben und das Problem steigender Gesundheitskosten sowie leerer Sozialkassen lösen. Bush hat nicht nur das amerikanische Credo bestätigt, dass jeder seines Glückes Schmied ist. Er war darüber hinaus in der Vorstellung seiner Ideen für die kommenden vier Jahre weitaus konkreter und damit für viele leichter verständlich als Kerry in Boston. Dieser hatte zwar die Ziele einer demokratischen Präsidentschaft dargelegt – zum Beispiel die Förderung von neuen Jobs, keine Privatisierung von Altersrente. Er blieb aber mit Ausnahme seiner Reformvorstellungen für das Gesundheitswesen genauere Angaben schuldig.

Außenpolitik: Dreh- und Angelpunkt von der Rede Bushs waren der Terror und der 11. September. Die Attacken auf das World Trade Center und das Pentagon erschienen in Bushs Darstellung als Moment der tiefsten Krise, den aber die Nation gemeistert hat und der ihr eine ganz neue Qualität gegeben hat: „Hier sind Gebäude zusammen gefallen, hier ist eine Nation entstanden." Der kollektive Schmerz, der 2001 durch die Angriffe auf eigenem Boden und 2004 durch die Verluste im Irak zu erdulden ist, erhebt nicht nur moralisch, sondern hat einen höheren Sinn. Was die Amerikaner an Leid durchmachen, steht in einem Zusammenhang mit der alles überwölbenden Aufgabe, die die USA aus der Sicht der Bush-Regierung haben: „Die Sache der Freiheit anzuführen im 21. Jahrhundert“. Vor dieser imperialen Aufgabe treten alle konkreten Missstände in den Hintergrund.

Auch John Kerry ging in seiner Nominierungsrede auf den Terror und den Irak-Krieg ein. Wo Bush jedoch metaphysisch wurde, wurde Kerry persönlich: Er nutzte beide Themen zum Angriff auf die Regierung und machte sie zu einer Frage von Wahrheit und Lüge. Kerry vergaß dabei, dass 60 Prozent der Amerikaner 2002 für den Krieg waren und nun angesichts der Fortdauer der Kriegshandlungen eine Rechtfertigung für den Einsatz benötigen. Sie müssen wie im Vietnam-Krieg mit dem Dilemma fertig werden, dass Söhne und Töchter in einem fragwürdigen Krieg ihr Leben riskieren und Loyalität einfordern. John Kerry hat hierzu in Boston keine Antwort geboten außer „den Auftrag zu einem Ende zu bringen und die Truppen nach Hause zu holen“. Kerry möchte die Weltgemeinschaft einbeziehen, „um die Last der amerikanischen Steuerzahler zu reduzieren und das Risiko für die amerikanischen Soldaten zu mindern.“ Er war in seiner Ansprache überwiegend darum bemüht, sich als ebenbürtigen, wenn nicht besseren, Kriegsherren darzustellen. Seine Antwort auf den Terror geriet sehr pragmatisch: Er möchte die Truppen aufstocken, die Weiterverbreitung von Waffen verhindern und die Empfehlungen der Kommission zum 9.11. umsetzen.

Wo Kerry den Respekt Amerikas wiederherstellen will, bislang aber im Unklaren ließ, wie dieses Ziel zu erreichen wäre, bietet Bush mit dem neokonservativen Kurs des Alleingangs eine stolzere und unabhängigere Vorgehensweise. Motto: Der so sehr ersehnte Respekt wird sich schon wieder einstellen, wenn die USA nur stark und entschlossen für die Freiheit kämpfen - mit oder ohne Verbündete. Dies ist verbaler Balsam für eine Nation unter Druck.