Da ringt Deutschland um jeden Zehntelpunkt niedrigerer Sozialbeiträge, um jedes Iota Wachstum - und die Energiekonzerne langen hin. Um etwa zehn Prozent soll das Gas teurer werden, um rund fünf Prozent der Strom. Einer Normalfamilie drohen bis zu 100 Euro zusätzliche Energiekosten im kommenden Jahr. Sosehr Hans Eichel auch die Steuerreform 2005 lobt und Ulla Schmidt die Einsparungen in der Krankenversicherung feiert: E.on und Co. wollen vielen Bürgern mehr nehmen, als die Politiker ihnen geben können. Das vergiftet die Konjunktur.

Auch den Unternehmen greifen die (Selbst-)Versorger kräftig in die Kasse - so kräftig, dass selbst Industriechefs öffentlich die Marktmacht der Kollegen aus den Energiekonzernen beklagen. Chemiehersteller und Metallverarbeiter müssen nun zweimal rechnen, bevor sie zu Hause einen neuen Arbeitsplatz schaffen.

Ausreden haben die Manager von RWE oder Ruhrgas stets parat: hohe Energiesteuern, die Versorgungssicherheit, gestiegene Rohstoffkosten oder die Kopplung des Gaspreises ans Öl - was gerade passt. Aber vieles können sie nicht erklären. Mit und ohne Steuern kostet der Strom in Großbritannien oder Frankreich weniger, ohne dass dort ständig das Netz zusammenbricht. Und die jetzt geplanten Preisschübe rufen zu Recht das Kartellamt und Verbraucherschützer auf den Plan, weil sie nicht allein mit den gestiegenen Preisen für Kohle oder Gas zu erklären sind.

Dazu braucht man schon die Gier eines Monopols, das mit der politischen Macht verwoben ist. Wie eng, zeigt der Abgang des ins Abseits gestellten Staatssekretärs im Wirtschaftsministerium, Alfred Tacke. Er wird Chef des Stromunternehmens Steag und arbeitet wieder für seinen ehemaligen Wirtschaftsminister Werner Müller, der den Mutterkonzern RAG führt. Ein Realist, wer Böses dabei denkt. Nicht, dass Tacke nun direkt entlohnt wird, weil er einst eine höchst umstrittene Energiefusion genehmigte. Das Böse steckt vielmehr im System.

Eigentlich gibt es in der Ökonomie nichts Schlimmeres als öffentliche Monopolisten - mit Ausnahme privater Monopolisten, die sich ungehindert auf Kosten von Konkurrenten und Konsumenten bedienen. Sie müssen bloß dafür sorgen, dass man sie gewähren lässt. Deshalb brauchen ihre Topmanager die Fähigkeit, sich den Staat gewogen zu halten, was wiederum die Wahl von Männern wie Müller oder Tacke verständlich macht. Schon die Kohl-Regierung schonte die Riesen, und die SPD erwies sich als penetrant lernunfähig, obwohl sich allein die vier größten Unternehmen mehr als 80 Prozent des Strommarktes teilen.

Doch selbst der Ukas aus Brüssel, einen Regulierer einzusetzen, wurde so lange überhört, wie es eben ging. Stattdessen sollte sich das Monopol selbst regulieren. Zwar sind die Strompreise, netto gerechnet, seit Ende der neunziger Jahre gesunken, aber nicht genug. Die Energieriesen mühten sich weniger um Kosteneffizienz als darum, sich kleine, neue Wettbewerber vom Hals zu schaffen. Ihr Vorteil: Ihnen gehören die Stromnetze, durch die auch Jungfirmen ihre Energie zu den Haushalten leiten müssen. Mit hohen Leitungspreisen verderben sie bis heute denjenigen neuen Konkurrenten das Geschäft, die noch nicht gescheitert sind.

Das weiß auch Wirtschaftsminister Wolfgang Clement. Doch dass öffentliche Aufpasser in anderen EU-Ländern seit Jahren über faire Zugangsbedingungen wachen, dass im ähnlich gelagerten Fall der Telekom auch in Deutschland genau hingeschaut wird - all das vermag ihn nicht zu bewegen, ein hartes Kontrollgesetz vorzuschlagen. Mit seinem Entwurf drangsaliert er weniger die Versorger als den Regulierer. Der soll die Preise für die Netznutzung nicht vorab genehmigen, sondern bloß hinterher prüfen. Einschreiten darf er nur, wenn ein Konzern die überaus großzügig bemessenen Grenzen verletzt.