Wenige Tage bevor Port Arthur, die russische Seefestung am Gelben Meer, von den Japanern eingekesselt wird, schlägt der innere Feind in Petersburg von neuem zu: Wjatscheslaw Konstantinowitsch Plehwe, Minister des Innern, ist am Morgen des 28. Juli 1904 in der Kutsche vom Polizeidepartement an der Fontanka zum Warschauer Bahnhof unterwegs. Er will mit dem Zehn-Uhr-Zug nach Peterhof und dort, wie jeden Donnerstag, dem Zaren Vortrag halten. Auf dem Ismailowskij-Prospekt im Süden der Stadt wird sein Gefährt von einem dunklen Gegenstand getroffen, der ohrenbetäubend explodiert. Die Kraft der Bombe reißt die Kalesche auseinander; Minister, Kutscher und Pferde sind auf der Stelle tot. Ein Leibwächter, der Plehwe auf dem Fahrrad begleitet hat, überlebt schwer verletzt. Gleiches gilt für Jegor Sasonow, den jungen Terroristen, den eine Gerichtskammer des Regierenden Senats wenig später lebenslang ins Zuchthaus schickt. Einer der Mitverschwörer wird ertappt, als er seine unbenutzte Bombe in die Newa wirft; die anderen entkommen.

Unstrittig war, wer die Tat zu verantworten hatte. Die Partei der Sozialrevolutionäre bekannte sich dazu: eine Neugründung der jungen Intelligenz, die nach der Jahrhundertwende an die Traditionen des legendären Geheimbunds Narodnaja Wolja ("Volksfreiheit" oder "Volkswille") anknüpfen und sie den Zeitläuften anpassen wollte. Wie damals waren auch jetzt viele Frauen dabei. Am bekanntesten wurde die blutjunge Maria Spiridonowa, die im Januar 1906 den Vizegouverneur von Tambow ums Leben brachte. Ihre Briefe aus dem Kerker, abgedruckt in der liberalen Presse, stilisierten die intelligente, schöne Gymnasiastin zu einer unbeugsamen Märtyrerin, die von verrohten Bewachern geschlagen, ja womöglich sogar vergewaltigt worden war – Verbrechen, die nach Vergeltung schrien.

Der Kopf des Terrornetzwerkes ist ein Spitzel der Polizei

Seit 1902 war die terroristische Praxis der Sozialrevolutionäre einer kleinen, autonom operierenden "Kampforganisation" anvertraut. Ihr war aufgetragen, besonders berüchtigte Handlanger der Autokratie hinzurichten. Wen im Einzelnen, das entschied die in Genf sitzende Parteispitze von Fall zu Fall. Die Gruppe rekrutierte sich aus allen Milieus. Der erste Würdenträger, der dem Terror zum Opfer fiel, war Plehwes Vorgänger Dmitrij Sipjagin – erschossen am 15. April 1902 von Stepan Balmaschew, einem 20-jährigen Studenten, der, als Adjutant des Moskauer Generalgouverneurs verkleidet, am Sitz des kaiserlichen Ministerrats erschienen war. (Nach einem militärgerichtlichen Prozess wurde er in Schlüsselburg dem Henker übergeben.) Dem gleichen Muster folgten ein misslungener Anschlag auf den Generalgouverneur von Charkow (10. August 1902) und ein geglückter auf den Gouverneur von Ufa (19. Mai 1903).

Andere Attentäter hatten nicht auf Weisung aus Genf, sondern aus eigenem Antrieb gehandelt. Pjotr Karpowitsch, der Mörder des Unterrichtsministers Bogoljepow (27. Februar 1901), kam mit lebenslanger Zwangsarbeit davon und konnte Jahre später fliehen. Eugen Schauman, ein finnischer Senatorensohn, erschoss am 16. Juni 1904 den Generalgouverneur Bobrikow in Helsinki und gab sich sogleich selbst den Tod.

Um allerdings Zar Nikolaj II. zu ermorden (wie 1881 schon dessen Großvater Alexander), dazu reichten die Kräfte vorerst nicht aus. Grigorij Gerschuni, der charismatische Führer der Kampforganisation, seit September 1903 im Gefängnis sitzend, hatte energisch davon abgeraten. Ohnehin war die Versuchung groß, den regierenden Herrscher für einen Schwachkopf zu halten, für "den gekrönten Papagei Allrusslands", eine Marionette in Plehwes Händen, des mächtigsten Bürokraten im Reich.

Aus anderen Gründen lehnte auch Gerschunis Nachfolger, Ewno Asef, einen Anschlag auf den Zaren ab. Niemand wusste damals, dass Asef ein "Provokateur" war, ein hoch dotierter Spitzel, der im Polizeidepartement größtes Ansehen genoss. Nachdem er etliche Genossen verraten hatte, war ihm darum zu tun, seine Autorität auch bei den Sozialrevolutionären unangreifbar zu machen. Das erklärt, weshalb er sich entschloss, Plehwe, seinen obersten Dienstherrn, zum Abschuss freizugeben. Die operative Vorbereitung nahm Asef selbst in die Hand.

Von der sozialrevolutionären Parteizentrale wurde nach der Tat ein Manifest herausgegeben, das Anklageschrift und Urteilsspruch in einem war. Plehwe, dessen Aufstieg in den 1880er Jahren im Justiz- und Polizeidienst begonnen hatte, sei "wegen Verbrechen gegen Volk und Vaterland, gegen Zivilisation und Menschheit" zum Tod verurteilt und hingerichtet worden. Der Minister habe sich "zum allmächtigsten Tyrannen von ganz Russland aufgeschwungen" und gegen Intellektuelle, Arbeiter und Bauern ("gegen alles, was in Russland denkt und leidet") unerhörte Repressalien verhängt, "viele tapfere Vorkämpfer des Rechts und der Freiheit aufs Schafott geschickt oder lebendig in den Grüften unserer Bastillen begraben". Er habe sich nicht gescheut, "das Pflaster unserer Industriezentren mit Proletarierblut zu überschwemmen" und schlimmste Quälereien zu dulden: Judenpogrome ("wahre Bartholomäusnächte", "die selbst ein Mann wie Marquis de Sade nicht hätte ersinnen können"), das Auspeitschen von Bauern, die Vergewaltigung von Frauen durch betrunkene Kosaken – Schandtaten, die "seit dem orientalischen Despotismus und den barbarischen Volksstämmen" nicht mehr vorgekommen seien.