Kairo war ein Meilenstein. Als vor zehn Jahren die Internationale Konferenz über Bevölkerung und Entwicklung (ICPD) in der ägyptischen Metropole zusammenkam, um die Zukunft unseres Globus zu diskutieren, wurde nach zähem Ringen ein Durchbruch erzielt. Alle 179 teilnehmenden Länder verständigten sich über ein Recht auf "reproduktive Gesundheit" – definiert als Selbstbestimmung über die eigene Fortpflanzung und Wohlergehen bei Sexualität, Fortpflanzung und Geburt. Der Menschheit wurde "Zugang zu sicheren, wirksamen, erschwinglichen und akzeptablen Familienplanungsmethoden ihrer Wahl" versprochen.

Das Aktionsprogramm wurde auf 20 Jahre angelegt. Zur Halbzeit sieht das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung manchen Lichtblick. Zumal die Erkenntnis, dass Frauenrechte ein Schlüssel zum Erfolg sind, bewahrheitet sich weltweit. "Wo immer Frauen mehr Rechte sowie Zugang zu Schule, Ausbildung und Gesundheitsdiensten erlangen", resümiert das Berlin-Institut, "bekommen sie später und vor allem weniger Kinder. Diese profitieren ihrerseits von neuen Optionen, besonders die Mädchen: Deren Einschulungsraten steigen, ihr Gesundheits- und Bildungsstand verbessert sich. Möglich wird diese Entwicklung überall dort, wo Mittel und Informationen zur Familienplanung zur Verfügung stehen."

Die Studie Das Ende der Aufklärung – Der internationale Widerstand gegen das Recht auf Familienplanung präsentiert umfangreiche Tabellen und Karten über Müttersterblichkeit, Bevölkerungswachstum, Aidsinfektionen oder die Stellung der Frau und zeigt Zusammenhänge zwischen Reichtum und Rechten, Gesundheit, Bildung und Kinderzahlen.

Der Schwerpunkt der Studie liegt auf der wachsenden Gegenwehr gegen die Ziele von Kairo. Als Widersacher betätigen sich einige islamische Länder, der Vatikan, zuvörderst aber die USA. So kommt es bei UN-Konferenzen inzwischen vor, dass Länder wie Iran, Libyen, Pakistan, der Sudan mit den Vereinigten Staaten und dem Heiligen Stuhl an einem Strang ziehen. Etwa, wenn es um das Propagieren von Enthaltsamkeit als schärfste Waffe bei der Bekämpfung von Aids geht. Dem politisch-ideologischen Wandel in den USA, wo die christliche Rechte Bildungs-, Familien-, Gesundheits- und auch die damit verknüpfte Außenpolitik immer stärker bestimmt, schenkt das Institut große Aufmerksamkeit. Denn dieser Umschwung fällt, so die Studie, schon "der schieren Größe und der Finanzkraft des Landes wegen besonders ins Gewicht". Minutiös wird nachgezeichnet, welch verschärfte Obstruktionspolitik die USA bei wichtigen Konferenzen betreiben. Und welche sehr konkreten Folgen das Ausbleiben ihrer Geld- und Sachmittel auf Programme von Äthiopien bis Rumänien hat. Oft müssen sich Programme neuen Leitlinien beugen, die nicht in Kairo, sondern in Washington festgelegt wurden.

In großem Stil, beobachtet das Berlin-Institut, werden Mittel "zurückgehalten, eingefroren oder massiv gekürzt". Nicht nur durch Gegner, sondern auch durch an sich freundlich gesinnte Staaten. Die Bundesrepublik etwa hat "von ihrem Anteil für den Zeitraum 1996 bis 2001 erst knapp ein Drittel gezahlt". Fehlbetrag: Rund 1,88 Milliarden Euro. Tom Schimmeck