Die Abendsonne scheint in ein freundliches Gruselkabinett. Ein hoher Raum in einem Jugendstilhaus in Berlin Friedenau, Parkettboden, Stuck. Zwei Totenschädel grinsen aus einem Schuhkarton, eine Wirbelsäule liegt quer über einem aufgeklappten Buch. Darin ein Foto mit einem Motiv, das auf den ersten Blick aussieht wie eine Pizza. Tatsächlich handelt es sich um einen Querschnitt durch den menschlichen Bauchraum. Von der Wand neben dem Schreibtisch baumelt ein Skelettarm. "Früher habe ich die Knochen nur mit Handschuhen angefasst, aber mit der Zeit habe ich meine Scheu vor ihnen verloren", sagt Karl Wesker. Seit 1996 arbeitet der heute 51-jährige Grafiker gemeinsam mit seinem Münchner Kollegen Markus Voll an Prometheus, dem neuen Anatomielehrbuch, dessen erster Band soeben im Stuttgarter Thieme-Verlag erschienen ist (542 Seiten, 64,95 Euro). Prometheus ist der erste komplett neu gezeichnete Anatomieatlas seit Jahrzehnten.

Eigentlich war allen Fachleuten klar, dass es nie wieder ein solches Werk geben würde. Anfang der neunziger Jahre hatte ein großer Fachverlag einen Kostenvoranschlag machen lassen – und angesichts der Zahlen das Projekt schockiert fallen gelassen: zu teuer. Am Sobotta, dem jetzt neu aufgelegten Standard-Anatomieatlas für Medizinstudenten, zeichneten 15 Grafiker mehr als 20 Jahre lang. Das war vor 100 Jahren. Heute wäre ein solches Projekt unbezahlbar. Dass Prometheus jetzt erscheint, ist moderner Technik zu verdanken.

Präparierte Leichen sind im Original recht unansehnlich

Aber warum überhaupt noch Zeichnungen, wo es doch Fotografien gibt? "Die Strukturen sehen bei präparierten Leichen ganz anders aus als auf anatomischen Zeichnungen", sagt Karl Wesker. In seinem Arbeitszimmer stapeln sich viele Fotos, die auf dem Seziertisch aufgenommen wurden. Die Muskeln darauf sind nicht rot, die Sehnen nicht weiß. Durch die Konservierung in Formalin bekommt das Gewebe einen braunen Farbton. Zeichnungen dagegen idealisieren, betonen bestimmte Aspekte und sind damit zum Lernen ungleich wertvoller als Fotos. Medizinstudenten lernen die Anatomie zu Beginn ihres Studiums – und sind mit den verfügbaren Lehrbüchern oft überfordert. "Die alten Atlanten zeigen Bilder, die überfrachtet sind mit Hinweislinien", sagt Wolfgang Kühnel, Vorsitzender der Deutschen Anatomischen Gesellschaft. "Aber in den Details geht häufig unter, was für die Klinik wichtig ist und was nicht." Das will Prometheus ändern, in Übereinstimmung mit der neuen Approbationsordnung, die einen stärkeren Bezug zur klinischen Praxis bereits für das medizinische Grundstu-dium vorschreibt.

Ortswechsel: Universität Hamburg, Anatomisches Institut II. Ein sachliches Büro, weiße Wände, weiße Möbel. Nach High-Tech sieht es nicht gerade aus bei Udo Schumacher, Anatomieprofessor und – zusammen mit seinen Kollegen Michael Schünke und Erik Schulte – verantwortlicher Autor von Prometheus . Der Tisch liegt voll mit DIN-A3-Blättern. Sie sind beklebt mit Schwarz-Weiß-Abbildungen, auf die Pfeile und Kommentare gekritzelt sind. Die Collagen wirken, als hätte ein Lehrer eilig aus verschiedenen Büchern Kopiervorlagen für seine Schüler zusammengeschustert. Doch der Anatom Schumacher und der Verlagsprojektleiter Jürgen Lüthje schaffen hier mit Schere und Pritt-Stift die Grundlage für den neuen Anatomieatlas, Band III. Der wird Kopf und Nervensystem zum Thema haben; im zweiten geht es um die inneren Organe, im ersten, dem jetzt erschienenen, um den Bewegungsapparat.

"Wir gehen umgekehrt vor; ganz anders, als es bei der Erstellung von Anatomien bislang der Fall war", sagt Schumacher. Bisher stand am Anfang das Aquarell, abgemalt von besonders gut präparierten Leichen. Die Nadeln und Klammern, die das Fleisch auseinander halten, sind oft mit auf dem Bild. Das Ganze wurde dann beschriftet – und fertig war die didaktische Aufbereitung. "Bei der neuen Anatomie fragen wir uns zuerst: Was sollen die Studenten sehen? Und das geben wir unseren Grafikern als Regieanweisung."

Deshalb sitzen Schumacher und Lüthje jetzt da und blättern in Büchern, zum Beispiel in einem über Augenheilkunde, Kapitel Tränenkanäle. Die verstopfen häufig, können aber durch eine Spülung frei gemacht werden. Deshalb will Schumacher eine Zeichnung, auf der das gesamte System der Tränenkanäle zu sehen ist. "Es hat keinen Sinn, den Studenten das erst in der Klinik beizubringen", sagt er. "Man lernt viel besser, wenn man weiß: Das brauche ich später als Arzt!"

Ein anderer Lerninhalt ist allerdings schwieriger zu vermitteln als der Verlauf der Tränenkanäle: die Auswirkungen von schnell wachsenden Tumoren im Kopf. Die drücken das Gehirn oft gegen Scheidewände im Schädel und verursachen dadurch neurologische Ausfälle. Schumacher will deshalb eine Zeichnung im Atlas, auf der die Scheidewände und das Gehirn zu sehen sind, eine schwierige Aufgabe für die Grafiker. "Wir nehmen das Gehirn von Herrn Voll, den Schädel von Herrn Wesker und stellen beides transparent dar", schlägt Udo Schumacher vor. "Dann müssten die Scheidewände klar zu sehen sein." Lüthje nickt. "Ja, da müssen die beiden Grafiker ein bisschen basteln." Dann ist die Sitzung beendet, Lüthje wird dafür sorgen, dass die Zeichner die neuen Aufträge bekommen.