Von allen berühmten Bibliotheksinterieurs der Geschichte war die Anna Amalia Bibliothek im Grünen Schloss sicher das bescheidenste. Sie war kein Ballsaal für Bücher wie die Prunkbibliotheken der Barockklöster, sie war kein Meisterwerk der Architektur wie Michelangelos Biblioteca Laurenziana, keine Bücherkathedrale wie die von Trinity College in Dublin, kein Bücherparlament wie der Mahagonisaal des British Museum unter seiner Glaskuppel. Die Schönheit der Anna Amalia Bibliothek wird gerühmt, aber man muss sich klarmachen, was für eine Art Schönheit sie besaß. Es war keine geplante, keine Kunst-Schönheit. Deutlich fühlte man, wenn man sie betrat, dass sie in eine vorhandene Architektur hineingezwängt worden war. In dem Grünen Schloss – was in dem puppenhaften Weimar eben Schloss heißt, grün ist es auch nicht – waren zwischen zwei Geschossen die Zimmerdecken entfernt worden, sodass in dem altertümlich schmucklosen Bau eine Art Schacht entstand. In diesen Schacht war wie ein Gerüst eine Innenhofarchitektur aus zwei Arkaden übereinander gestellt worden; das Ganze aus mit Ölfarben schmutzig grau-weiß gestrichenem Holz.

Rokoko ist die Bibliothek nur nach der Jahreszahl ihrer Erbauung gewesen, wenn man unter Rokoko dynamisierte, schwingende Räume und ein in den Baukörper eingreifendes und ihn verformendes Ornament versteht. Die Bibliothek war nüchtern, da schwang gar nichts. Die Rokoko-Ornamente waren rein zweckhaften Pfeilern aufgepappt. Die Bohlen der Böden waren breit und roh. Ein ländlicher Theatersaal, von dekorierenden Schreinern zusammengezimmert, hätte so aussehen können. Das Hölzerne, Enge, die steilen Treppen und die hohen, riskanten Leitern ließen auch an das Innere einer barocken Galeere denken, und eine Bücher-Arche-Noah mit genau beschrifteten Kompartimenten für alle denkbaren Gattungen und Arten ist die Bibliothek schließlich auch gewesen.

Heinrich Meyers Fresko schwebte über dem Ganzen wie ein Bühnenvorhang – jetzt, wo es verbrannt ist, lohnt vielleicht noch einmal die Erinnerung, dass es eine unangenehme Sorte von Unbildung verrät, über den Weimarer Zeichenlehrer herablassend zu sprechen. Die eigentliche Baumasse der Bibliothek aber waren die Bücher, die jedes Tor, jede Nische, jede Wand, jeden Zwischenraum zwischen Pfeilern und Pilastern füllten. Wenn man die Bibliothek betrat, überwältigte der Eindruck des Vollgestopften. Ein Horror Vacui regierte den beschränkten Raum; an jedem freien Platz standen Büsten, hingen Bilder, erhoben sich Piedestale, verbargen sich Aquarelle und Zeichnungen hinter kleinen, verblassten Vorhängen.

In den letzten Jahren musste man am Eingangstor stehen bleiben, so wacklig und baufällig waren der Saal und seine voll gepackten Emporen. Nein, Holzwürmer waren nicht die Plage, unter der die Stabilität litt, aber beim Anblick des zerbrechlichen, sich sanft neigenden und setzenden Gebäudes entstand unwillkürlich die Vorstellung , seine Festigkeit bestehe nur darin, dass die Holzwürmer sich gegenseitig in den Schwanz bissen. Man wagte kaum, laut zu sprechen in diesen Mauern. Zart wie ein Eichhörnchennest war dieser Bau. Man meinte, es knistern zu hören. Die Bücher mit ihren kostbaren Ledereinbänden und ihrem edlen Papier waren das Stabilste hier. Als Reich des Geistes war die Bibliothek auch ein Geisterreich.

Vielleicht hat sich die Bibliothek am Ende selbst entzündet

Die sammelnde Herzogin hatte sich hier eine Gegenwelt geschaffen. Hier ließ sie schon zu deren Lebzeiten die Büsten der Männer aufstellen, die sie verehrte, die aber zu Festlichkeiten des Hofes keinen Zutritt hatten. Ein winziges Pantheon, eine Republik der Genies, bildete das geheime Herz des Herzogtums. Das Rührende, Hinfällige, Zerbrechliche dieses Geistespalästchens war seine Größe. Wie in einem Ohr mit seinen feinen Knöchelchen bewegte man sich in den Gängen und Winkeln. Dieses Reich war nicht von dieser Welt. Es konnte einen in dieser Bibliothek unversehens eine heftige Liebe zu Deutschland überkommen.

Es ist jetzt müßig geworden, sich zu fragen, ob die Anna Amalia Bibliothek in ihrer gerade durch ihre Fragilität triumphierenden Schönheit noch lange hätte bewahrt werden können. Ihre Überfülltheit war ein konservatorisches Ärgernis. Um sie feuersicher zu machen, hätte man sie auseinander nehmen und ihre Holzkonstruktion ummänteln müssen; mit dem alten Schmutz hätte man auch den feinen Staub der Schmetterlingsflügel entfernt, der ihren Zauber ausmachte, wie bei einem dunkel gewordenen Tizian-Gemälde, dessen Lasuren der Restaurator zerstört, wenn er versucht, es von seinem vergilbten Firnis zu befreien. Wenn, wie zu hoffen ist, viele der vom Wasser in klebrigen Schlamm verwandelten Bücher gerettet werden können, so werden sie doch kaum wieder jenen Organismus bilden, der wie ein lebendes Wesen erschien. Bücher können auch, und vermutlich länger, in Tresoren überleben, aber in einer Bibliothek, wie die abgebrannte es war, bilden sie ein Konzert ,und diesem Konzert war es bestimmt zu verstummen, vielleicht auch ohne den Brand.

Deutschland, das Land, in dem die Entstehung der Weimarer Bibliothek möglich war, hat sich in den letzten hundert Jahren, man könnte sagen, in jedem einzelnen Jahrzehnt auf neue Weise, von allem, was diese Bibliothek hervorbrachte, abgewandt. Nichts war fremdartiger in unserer Bildungsgegenwart aus Gesamtschule und kommerzieller Eliteförderung als diese Bibliothek. Ihre delikate Baufälligkeit war ein Gleichnis vor Ort, den ihr Inhalt in unserer Gegenwart einnahm. Weiter als bis zum Seil, das den gefährdeten und gefährlichen Schatz für den Besucher absperrte, konnte man sich diesem Bücherensemble nicht mehr nähern, ohne den gesellschaftlichen Konsensus zu verlassen. Es ist sinnlos, gegen die konservatorische Notwendigkeit zu polemisieren, aber es bleibt das Faktum, dass die Bibliothek sich selbst entzündete, kurz bevor sie zu einer Monstranz ohne Hostie, einem Reliquiar ohne Apostelgebein wurde. Für Mozart-Autografen ist ein Betonkeller der bessere Aufbewahrungsort, aber die Bibliothek war der richtige. Einen Ort solcher Übereinstimmung von Geist und äußerer Gestalt hat Deutschland nicht mehr verdient. Es ist freilich nur das Unverdiente, worauf sich alle Hoffnung richten muss.