Seit dem 11. September ist die Welt eine andere - das ist ein beliebter Satz, über den sich trefflich streiten lässt. Nicht streiten muss man über die Tatsache, dass der 11. September den Fokus der Öffentlichkeit verschoben hat.

Alle blicken nach Bagdad oder nach Washington und warten auf den nächsten Krieg, den nächsten Anschlag.

Dabei hat das große Morden gerade eben vor unserer Haustür stattgefunden.

Mehr als 200 000 Menschen starben zwischen 1991 und 1995 im balkanischen Krieg, der zum Zerfall Jugoslawiens führte. Aber ist dieser Schrecken tief in der europäischen Öffentlichkeit verankert? Mit Sicherheit nicht. Wie ein blutrünstiges Gespenst ist dieser Krieg vorbeigerauscht, hat Hunderttausende mit sich gerissen und ist dann im Nirgendwo verschwunden.

Dieses Gespenstische wohl hat die Autorin Slavenka Drakulic dazu bewogen, fünf Monate in Den Haag zu verbringen und die Kriegsverbrecherprozesse zu beobachten. Wer ihr Buch liest, wird es nicht ohne Erschütterung tun können - wird entsetzt verfolgen, wie friedlich die Angeklagten im Gefängnis von Scheveningen leben, wie sich die ehemaligen Todfeinde gemeinsam zum Essen treffen, wie sie sich Zuspruch gewähren. Wenn jedoch diese >Brüderlichkeit und Einheit< unter den eingeschworenen Feinden von gestern wirklich der Epilog dieses Krieges ist, aus welchem Grund kam es zu alledem? Beim Blick auf die fröhlichen Knaben von Scheveningen ist die Antwort klar: Aus keinem.

Die Autorin hat bereits zwei Bücher über die Balkankriege geschrieben, beide aus der Sicht der Opfer. Diesmal wendet sie sich den Tätern zu. Und so tauchen sie alle auf, die großen wie die kleinen Täter, wie sie dastehen vor dem Richter und sich rechtfertigen oder wie sie alle Vorwürfe vom Tisch wischen wie etwa Slobodan Milosevic. Immer schwingt die Frage mit: Wie können Menschen zu Massenmördern werden? Diese Fragen sind nicht neu, schreibt Drakulic, es gibt ganze Bibliotheken zu diesem Thema (...) Alles sieht jedoch anders aus, wenn man solchen Fällen selbst gegenübersteht.

Auch Drakulics Antworten sind nicht neu: Die Mörder sind ganz normale Menschen. Manchmal wirkt das Buch daher ein wenig betulich, vor allem dann, wenn Drakulic immer wieder die Gesichtszüge der Haager Angeklagten beschreibt und versucht, darin Spuren ihrer Taten zu erkennen. Aber das sind kleine Schwächen.