Es ist nach Mitternacht, das Telefon klingelt. Ist jemand ins Krankenhaus eingeliefert worden? "Hallo, Professor Breithaupt, Jason hier. Ich wollte Sie wegen des Tests morgen fragen, ob Sie mir die Sache mit dem Strukturelement noch einmal erklären könnten?" Wir sind in Amerika, und wohl fast jeder Hochschullehrer hier hat ähnliche Anrufe bekommen. Die Studenten haben, neutral gesagt, ein anderes Selbstbewusstsein als ihre deutschen Kollegen. Sie sind zahlende Kunden.

In Deutschland wird derzeit vor allem über die Rechtmäßigkeit und die Sozialverträglichkeit der Studiengebühren gestritten und darüber, ob der erhoffte Geldsegen die Universitäten retten kann oder nicht. Dabei wird meist vergessen, dass Studiengebühr Geld anderer Art ist als das Geld, das vom Staat kommt. Studiengebühr macht die Studenten stark, denn wer zahlt, zählt. Es zählt, wie viele Studenten sich in einen Kurs einschreiben, wie viele in einem Fachbereich studieren und vor allem, wie sie ihre Zufriedenheit in quantifizierten Evaluationen kundgeben.

"Raumschiff Enterprise" statt "Bibelkunde"

Also heißt es für die Profs: Ran an den Feind. Es beginnt mit den Kursthemen. Statt "Einführung in die Kulturwissenschaft mit praktischer Übung" heißt es dann "Von der Hexe zum Serienmörder Eine Kulturgeschichte des Verbrechens". Die Musikhochschulen werben Studenten anderer Disziplinen nicht mit "Methodenanalyse für Studenten im Nebenfach", sondern eher mit "Die Geschichte des Rock ’n’ Roll". Theologen locken nicht mit "Bibelkunde", sondern mit "Raumschiff Enterprise und die Religion". Die Physiker werfen sich mit "Quantum-Rätsel für jedermann" ins Zeug, die Biologen kontern mit "Die Biologie der Dinosaurier". Und damit die Literaturwissenschaftler auch ja niemanden mit Textlastigkeit vergraulen, heißt es etwa: "Wer bin ich? Rasse, Gender und Identität".

Die Verwaltungen der Universitäten in den USA ebenso wie die der privaten Unis in Deutschland haben ihre administrative Struktur längst auf Geld als Organisationsmedium umgestellt. Sprich: Jede absolvierte Unterrichtseinheit eines Studenten bringt der Abteilung Geldpunkte ein. Und diese Geldpunkte bescheren der Abteilung Anrechte auf neue Professuren, Lehrmittel, Stipendien und auch Forschungsmittel. Ein kleiner Teil wandert dann auf Umwegen auch in die Lohntüte der erfolgreich Lehrenden. Mit der Studiengebühr, wenn sie denn kommt, steht der deutschen Universität eine Revolution bevor. Die Diskussion über die Vor- und Nachteile dieser Revolution des Kunden Student wird allerdings bislang noch nicht geführt.

Die Nachfrage bestimmt das Angebot. Fachbereiche und Kurssequenzen werden in kurzer Zeit aus dem Boden gestampft, sobald die Planer zahlende Studenten wittern. So kam es etwa zur Gründung der creative writing- Studiengänge. Just ist auch das lang versprochene und reich bebilderte Kursbuch Porn Studies in der sehr auf populäre und allzu populäre Themen ausgerichteten Duke University Press erschienen, welche das Unterrichten von Pornografie auf akademisches Niveau heben will. Niemand hat Zweifel daran, dass die Akademien sich zu verkaufen haben. Das Schreckgespenst kennen alle. Akademische Abteilungen werden geschlossen, wenn die Nachfrage sinkt, was auch traditionelle Fächer wie die Physik betreffen kann. Auch ganze Universitäten und Colleges können Pleite gehen. Allein seit 1980 haben in den USA mindestens 146 die Türen dichtgemacht, seit 1970 sogar 272, darunter renommierte Adressen wie kürzlich das 200 Jahre alte Bradford College.

Der Student ist König. Ein König ist aber neben seinem feudalen Auftreten gekennzeichnet durch den Hof von Vasallen, die ihn umwerben. Diesen Hof bilden neben den offiziellen Freizeitplanern und vielen Beratungszentren vor allem die Professoren.