Was man von der Welt hält, hängt davon ab, was man von ihr sieht – und von hier oben sieht sie fantastisch aus. Ein Himmel aus Berliner Kupferkuppeln, die am Horizont leuchten. Würde Susanne Fengler sich über die hölzerne Balustrade ihrer Dachterrasse in Prenzlauer Berg beugen, dann könnte sie auch die Straße sehen, aber Susanne Fengler hat Höhenangst. Zwei Jahre lang hat sie diese Angst überwunden, hat die deutsche Realität aus der Nähe betrachtet. Doch die politische Wirklichkeit, die sie da in Augenschein nahm, war ziemlich ernüchternd.

Aus CDU-Kreisen ist zu hören, dass auf den Fluren der Parteizentrale über Fengler viel geredet wird. Ob man ihr Buch kommentiere? Der Pressesprecher ist gerade im Büro des Generalsekretärs. Er werde zurückrufen, heißt es.

Susanne Fengler, 33, hat zweieinhalb Jahre lang für die CDU gearbeitet. Sie war Referentin in der Abteilung für politisches Marketing und interne Kommunikation, hat zuerst für Angela Merkel gearbeitet, dann für den Kanzlerkandidaten Edmund Stoiber Wahlkampf gemacht. Sie entwarf und verwarf Positionen, verkürzte und dramatisierte, behauptete heute dies und morgen das, träumte wie alle im Wahlkampf von der Macht. Aber sie ist die Einzige, die danach gekündigt und einen Roman darüber geschrieben hat.

Fengler steht wie eine Sonnenblume in ihrer Dachgeschosswohnung. Großer blonder Haarkranz, große braune Augen, großes Lächeln, schmaler Körper. Sie kommt gerade von einem Seminar in Tadschikistan wieder, das sie im Auftrag einer Entwicklungshilfegesellschaft gegeben hat. Sie hat Oppositionspolitiker im Umgang mit den Medien geschult, um ihnen zu besseren Wahlchancen zu verhelfen. Denn Politik ist ein Wettkampf wie die Formel 1, es kommt nicht nur auf Können an, sondern vor allem auf die Mittel. Das hat Susanne Fengler gelernt.

Das Buch mit dem Titel Fräulein Schröder , benannt nach der Hauptfigur, sei kein Schlüsselroman, nein, nein, nicht so wie Primary Colors (deutsch: Mit aller Macht ) über den Präsidentschaftswahlkampf von Bill Clinton. Edmund Stoiber, Angela Merkel, Michael Spreng, Laurenz Meyer – sie sind zwar alle deutlich auszumachen, aber das ist nur insoweit wichtig, dass man durch sie die Wirklichkeit erkennt – etwa bei dieser Stelle über Meyer: "Der Generalsekretär sah sich doch als ›homme des femmes‹ und hatte gestern schon wieder mit einem Filmsternchen auf dem Foto auf der Klatschseite posiert. Alle hatten es sich gegenseitig gezeigt, auch wenn das Bild in der hauseigenen Presseschau der Parteizentrale selbstverständlich zensiert worden war."

Sie lernte, dass man jeden einen Lügner nennen kann

Die Parteien bleiben "wir" und "die Gegner". Unterhaltsam sollte das Buch sein, sagt Susanne Fengler, und eine Ähnlichkeit zwischen Merkel und der antiken Königin Berenike II. aufzeigen, das war die Idee. Fengler schreibt historische Romane, und als sie nach einem Stoff für ihren dritten Roman suchte, stieß sie auf die Geschichte der ägyptischen Königin. Einen ähnlichen Machtkampf wie den zwischen Merkel, Stoiber und Schröder schien es 220 vor Christus schon einmal gegeben zu haben.

Peter Müller, der saarländische Ministerpräsident, ist der einzige Politiker, der offen zugab, dass er sich im Roman wiedererkannte. "Die schreibt da über mich", sagte er der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und lieferte gleich die passende Textstelle über Angela Merkel mit: "Während kalte Stürme durch das Land jagen, verschlechtert sich die Lage für die Parteivorsitzende zusehends. ... Einer unserer Parteifreunde hat tatsächlich zugeschlagen. Großes Interview morgen. Sie kann es nicht und so weiter; das Übliche. Ärgerlich ist, dass es sich um eine Person handelt, die bislang unserem Lager zugerechnet wurde."