Es mag komisch klingen, ist aber wahr: Die Briten sind die besseren Europäer. Viel besser als die Deutschen und die Franzosen. Mag man sie auch als ewige Zaungäste betrachten, weil sie den Euro trotz Tony Blairs anfänglicher (und ernst gemeinter) Begeisterung nicht angenommen haben und dies in den nächsten zehn Jahren auch nicht tun werden. Die Briten legen nicht einmal besonderen Wert darauf, als gute Europäer zu gelten, und dennoch sind sie es. Denn Brüssels wichtigste Reformagenda nehmen sie viel ernster als Deutschland und Frankreich. Die Rede ist von der Lissabon-Strategie, jenem ehrgeizigen und richtigen Plan, Europa binnen einer Dekade zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten Binnenmarkt der Welt zu machen. So haben es die Staats- und Regierungschefs im Frühjahr 2000 in Lissabon vereinbart.

Lissabon heißt vor allem: Der Binnenmarkt soll durch rigorose Liberalisierung von Telekommunikation, Energiemarkt und Finanzdienstleistungen vollendet werden. Absolute Wettbewerbsfreiheit soll durch Abschaffung von marktverzerrenden staatlichen Subventionen entstehen. Mehr Investitionen in Forschung und Entwicklung sollen die globale Wettbewerbsfähigkeit in High-Tech-Märkten verbessern.

Vier Jahre später belegen Deutschland und Frankreich die letzten Plätze, wenn es darum geht, wie weit die Märkte liberalisiert sind. Die beiden größten Volkswirtschaften Europas haben die Idee unterschrieben, ohne sich dem Geist zu verschreiben. Stattdessen befriedigen die Regierungen in Berlin und Paris lieber ihre Wähler und ihre Konzerne durch nationalstaatlichen Protektionismus. Man denke nur daran, wie Gerhard Schröder in Brüssel verhinderte, dass es zu einem wirkungsvollen und effizienten Emissionshandel kommt, der den Ausstoß von Dreck in die europäische Umwelt mindern sollte.

Deutsche Konzerne hatten ihn dazu gedrängt. In perfekt populistischer Manier mischte sich im Nachbarland Frankreich derweil der Wirtschafts- und Finanzminister Nicolas Sarkozy in den Übernahmestreit der Pharmakonzerne Aventis und Sanofi ein.

Auch EU-Kommissar Günter Verheugen, der sich um Wählerstimmen im Saarland oder in Brandenburg keine Sorgen machen muss, bringt den Beweis dafür, dass die deutsche Politik den Geist von Lissabon nicht angenommen hat. Ende letzter Woche sprach er sich gegen die Liberalisierung des Marktes für Autoersatzteile aus, natürlich im Einvernehmen mit Pascal Lamy, seinem französischen Kollegen. Statt im Sinne des Verbrauchers zu urteilen und die Preise für Stoßstangen und Windschutzscheiben zu senken, indem man den Markt für unabhängige Hersteller öffnet, stellten sich die Politiker schützend vor die Automobilindustrie, die auf ihr Monopol pocht, allein die Originalersatzteile zu verkaufen. Verheugen wird am 1. November das Kommissariat für Industrie übernehmen - keine rosigen Aussichten für Europas internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Die Briten dagegen wollten und wollen nichts lieber als einen offenen Markt.

Dass Wettbewerbsfähigkeit in einer globalen Wirtschaft für sie nur durch konsequente Liberalisierung zu erreichen ist, haben sie verinnerlicht. Nicht einmal die britische Boulevardpresse, die sonst keine Gelegenheit auslässt, sich über Deutsche und Franzosen zu mokieren, hat je eine Silbe darüber verloren, dass der Essener RWE-Konzern die britische Thames Water übernahm, oder darüber, dass Eléctricité de France (EDF) seit dem Kauf von London Electricity ein Viertel aller Briten mit Strom versorgt. Weder Schatzkanzler Gordon Brown noch Handelsministerin Patricia Hewitt kämen auf die Idee, sich gegen eine Übernahme zu stellen. Man denke nur an den umgekehrten Fall.