Wenn der Berg freiwillig aus dem Weg ginge oder doch auf gläubiges Zureden hin, kein Zweifel, es wäre ein Wunder geschehen. Wenn tausend Freiwillige aus den Armenvierteln von Lima eine gewaltige Sanddüne fünf Zentimeter weiter schaufeln, dann haben sie kein Wunder vollbracht, sondern ein Kunststück. Und die Hoffnung des regieführenden Künstlers ist vielleicht nicht ganz unberechtigt, der eine oder andere möge sich angesichts des Kunsterfolges auch zu lebenspraktischeren Fünfzentimeterhandlungen ermutigt fühlen.

Meist legt ja Francis Alÿs selbst Hand an. Zieht eine Hundeattrappe aus magnetisiertem Blech hinter sich her und lässt sie auf der Straße den verwertbaren Metallschrott sammeln. Läuft mit geladener Pistole herum, bis ihn die Polizei verhaftet. Schiebt einen VW-Käfer durch die etwas flach und übersichtlich geratene Stadt Wolfsburg, und das Publikum schaut so ungläubig zu wie der Zweifler, der zum Bergeversetzen nicht mal eine Schaufel bekommt. Natürlich könnte man nun fragen, warum einer bei schadhaftem Boxermotor nicht einfach den ADAC anruft. Aber damit wäre die ganze schöne Anstrengung verdorben – ohne dass man dem Autoschieber und Dünentransporteur sein Bewegungsgeheimnis entrissen hätte.

Francis Alÿs im Kunstmuseum Wolfsburg und –zur Entgegennahme des hoch dotierten blueOrange-Preises – auch im Martin-Gropius-Bau in Berlin: zwei Ausstellungen, in denen sich Gedanken- und Bilderarbeit auf unentwirrbare Weise verschlingen. Es hat ja nicht immer sinnlichen Gewinn bedeutet, wenn Kunst allzu sehr mit ihrer Selbstaufklärung beschäftigt war. Hier stammt die Poesie eines vielgestaltigen Werks aus der wunderbaren Klarheit des Zusehens, Nachdenkens und Entscheidens. Mit seinen Skizzen, Zeichnungen, Bildern, Fotografien, Filmen und Aktionen fügt sich Alÿs ins Profil einer interventionistischen Kunst, die ihre Stoffe und Strategien vor allem an den Orten und aus den Kontexten entwickelt. Deutlicher als bislang wird mit dieser Doppelausstellung, wo Alÿs’ Orte liegen, was seine Kontexte sind.

Standhaft verweigern sich die Bilder dem politischen Diskurs

Alÿs, in Antwerpen geboren, hat in Venedig Architektur studiert. Mitte der achtziger Jahre zog er um nach Mexico City. Erst dort, wo aus brutalen Lebenswidersprüchen unerklärliche Lebensenergien fließen, im Abstand zu den Weltkunstzentren, wo sich Kunst vor allem von der Kunst ernährt, erst dort ist der Künstler Künstler geworden.

In einem Hochhaus am Zócalo, der Plaza de la Constitución, hat er die Videokamera installiert und zwölf Stunden lang das Stadtleben im Weitwinkel beobachtet. Es gab keine politischen Manifestationen, keine besonderen Vorfälle, Unfälle, nichts, was den 22. Mai 1999 aus der Tagesmasse herausgehoben hätte. Der Schatten der Flagge wandert mit der Sonne, die Leute queren den Platz, der eine eilt, der andere schlendert, da bilden sich Menschenknäuel, dort lösen sie sich wieder auf. Eine Art Studie zur Dynamik des überschaubaren Lebens, ein geduldiges Protokoll der Rhythmen und Bewegungsmuster, der kleinen Gänge, der bemessenen Wege zwischen Morgen und Abend.

Nach dem schweren Erdbeben 1985 hat sich die wuchernde mexikanische Hauptstadt vollends zur Megacity entgrenzt – mit weit über 20, heute vielleicht schon 24 Millionen Menschen, gezählt hat sie keiner. Eine Konzentration des Lebens, die jeden Gedanken an Plan und Programm, Lenkung und Leitung absurd erscheinen lässt. Was dies unsteuerbare System vor dem Kollaps bewahrt, was die Menschen nicht im sozialen schwarzen Loch verschwinden lässt, erklärt keine politische Theorie wirklich zutreffend. Es bleibt ein anthropologisches Rätsel. An ihm entzündet und schärft sich Alÿs’ Blick immer neu. Und immer mischt sich in die Neugier auf das, was da geschieht, eine Verwunderung darüber, dass es geschieht.

Mit dem Tagesabfall hat Alÿs mehrere Exemplare irgendeines Dutzendgegenstands, einer bemalten Keramikschnecke zum Beispiel, in verschiedene Müllsäcke verpackt und sie an verschiedenen Stellen in der Stadt stehen lassen. In den Wochen darauf tat er nichts anderes, als die Flohmärkte nach der ausgelegten Müllspur abzusuchen. Zwei Schnecken, immerhin, hat er bald zurückkaufen können. Ganz einfach, diese Versuchsanordnung. Klares Erkenntnisziel, unvorhersehbarer Erkenntnisweg. Zugleich ein schlichtes Bild für die banale Kreisbewegung des Lebens, für die ewigen Wiederholungen, die bei kleinen, kaum wahrnehmbaren Verschiebungen vielleicht ja doch so etwas wie Veränderung bewirken.