Als an ihrem Krankenbett um die Mittagszeit das Telefon klingelt, nimmt Gülay S.* erwartungsvoll den Hörer ab. "Ich liebe dich", sagt eine männliche Stimme unvermittelt. Gülay ist glücklich, diese Stimme zu hören. Vergessen sind all die Enttäuschungen, Erniedrigungen und Streitereien. "Ich liebe dich", sagt die Stimme noch einmal. Es ist Ziad Samir Jarrah, 26, ihr Ehemann.

Eine Krankenschwester kommt ins Zimmer und will wissen, was sie morgen zu Mittag essen möchte. Sie bittet die Krankenschwester, später noch einmal vorbeizuschauen. Die Schwester lässt sich nicht abwimmeln. Gülay fragt ihren Mann deshalb am Telefon nur kurz, ob alles in Ordnung sei. "Alles in Ordnung", sagt Ziad Jarrah und wiederholt noch einmal: "Ich liebe dich." Dann beendet er das Gespräch. Gülay legt den Hörer auf die Gabel; sie ahnt nicht, dass sie ihren Mann nie wieder sprechen wird.

Ziad Jarrah ist einer jener 19 jungen Araber, die in den USA vier Passagierflugzeuge amerikanischer Fluglinien entführen. Während drei Maschinen in das Pentagon und in die beiden Türme des World Trade Center gelenkt werden und dort ein Inferno anrichten, soll Jarrah mit drei weiteren Komplizen an Bord von United Airlines UA 93 das Kapitol oder das Weiße Haus zerstören. Der Plan misslingt. Die Passagiere dieses Flugzeuges, über Handy von Angehörigen über die Anschläge in Washington und New York unterrichtet, ahnen, was die Entführer vorhaben. Sie beschließen, sie davon abzuhalten. Sie versuchen das Cockpit zu stürmen. Als die vier Terroristen merken, dass sie ihr Ziel nicht erreichen werden, brüllt Ziad Jarrah, Gülays Ehemann: "Allah ist der Größte!" Er fragt die anderen Entführer: "War’s das? Soll ich sie jetzt schon abstürzen lassen?" Antwort: "Ja!" Kaltblütig drückt Jarrah den Steuerknüppel nach vorne. Die Maschine rast im Sturzflug zu Boden. Um 10.03 Uhr zerschellt sie auf einem Acker in Pennsylvania, nahe dem Örtchen Shanksville. 33 Passagiere, 7 Besatzungsmitglieder und die 4 Entführer sind auf der Stelle tot. Es ist der 11. September 2001.

Seitdem ist nichts mehr so, wie es einmal war. Besonders im Leben von Gülay S. Sie muss sich fragen, wie gut sie ihren Ehemann kannte. Wie konnte er so etwas tun? Dazu die vorwurfsvollen Fragen der Justiz und der Polizei, der Freunde und Wohnungsnachbarn, ob sie all die Jahre nichts davon bemerkt hätte, dass ihr Mann mit seinen Freunden den grausamsten Terroranschlag der Geschichte vorbereitete. Aber am schlimmsten ist vielleicht das Gefühl, Ziad Jarrah geliebt zu haben, einen vielfachen Mörder, einen Mann, der sich Kinder von ihr wünschte. Eine Liebe, die im April 1996 beginnt. Gülay, damals 21 Jahre alt, studiert Medizin in Greifswald. Sie wohnt dort in einem Studentenwohnheim, in das zwei junge Männer einziehen. Es sind Ziad Jarrah und sein Cousin. Sie bekommen das Zimmer direkt neben Gülay. Nach einem Monat kommen sich die Deutschtürkin und der Libanese näher, nach zwei weiteren Monaten ziehen Gülay und Ziad in eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Sie fühlt sich bei diesem Mann geborgen und verstanden. Ziad ist Muslim, sie haben denselben Glauben, er hat trotzdem keine Probleme mit westlicher Lebensart. Jarrah gibt Gülay die Kraft, nach ihrer Fasson zu leben, ohne dabei ein schlechtes Gewissen zu haben.

Es ist noch nicht lange her, da wäre Gülay an diesem Spagat zwischen westlichem Lebensstil und muslimischer Kultur fast zerbrochen. Sie war damals gerade 18 geworden und hatte während eines Aufenthaltes in der Türkei beschlossen, sich das Leben zu nehmen. Sie hatte eine Überdosis Medikamente eingenommen, 20 oder 30 Tabletten eines Antidepressivums. Drei Jahre später in Greifswald hat Gülay diesen Konflikt bewältigt. Das hat auch mit Ziad Jarrah zu tun. Sie gelten als hübsches Paar, zusammen gehen sie auf Partys, auf den Medizinerball, in Discotheken, tanzen ausgelassen, führen ein ganz normales Studentenleben.

Jarrah ist so erzogen. Im Libanon ist sein Vater ein hochrangiger Regierungsbeamter, seine Mutter Lehrerin für Französisch. Obwohl sie Muslime sind, schickten sie ihn auf eine christliche Schule. Sie ließen ihrem Sohn alle Freiheiten, er kannte die schönsten Strände, die besten Bars. Das Militär blieb ihm erspart, er durfte beim Roten Kreuz Ersatzdienst leisten.

Bei Gülay zu Hause in Stuttgart, wo sie als zweitälteste Tochter türkischer Gastarbeiter geboren und aufgewachsen ist, geht es anders zu. Ihre Mutter trägt ein Kopftuch, sie ist eine gläubige Muslimin, ihr Vater nimmt den Glauben weniger ernst. Er verzichtet auf das Freitagsgebet, trinkt bisweilen Alkohol. Aber für die Erziehung war die Mutter zuständig, sie erzog ihre drei Töchter streng nach der traditionellen türkischen Kultur, wozu ihrer Ansicht nach der regelmäßige Besuch einer Moschee gehört. In Greifswald geht Gülay kaum in die Moschee.

Im März 1997 wird Gülay schwanger. Sie erzählt Ziad Jarrah zunächst nichts davon und lässt das Kind abtreiben. Sie hat Angst um ihre Karriere als Ärztin. Sie studiert erst seit zwei Jahren Medizin, Jarrah steckt mitten im Aufbaustudium, er hofft, einen Studienplatz für Zahnmedizin zu bekommen. Diese Hoffnung jedoch zerschlägt sich bald, seine Abschlussnote 2,2 reicht nicht für Zahnmedizin.