Noch heute verblüfft im Rückblick, mit welcher Unschuld die Germanistik, die gerade erst ihre Vasallendienste für den Nationalsozialismus überwunden hatte, sich in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts abermals dem ideologischen Sog einer politischen Bewegung auslieferte. Nächst der Politologie und Soziologie gab es an den westdeutschen Universitäten kein Fach, dass so sklavisch dem Weg der 68er-Generation bis in die linksdogmatische Verknöcherung gefolgt wäre. Die Revolution, die auf der Straße gescheitert war, kehrte in die Hörsäle zurück und wurde an der deutschen Literatur exekutiert, die sich nicht wehren konnte.

An den Dichtern interessierte nur mehr die Frage, ob sie eher als reaktionär oder progressiv einzustufen wären. Ein Seminar über den Barocklyriker Gryphius wurde an der FU Berlin mit den Worten angekündigt, es solle "untersucht werden, ob Andreas Gryphius ständepolitisch und ideologisch eine fortschrittliche Position innerhalb der restaurativen und gegenreformatorischen, bürgerliche Selbständigkeit beschränkenden sozialen Entwicklung einnimmt."

Auf die Antwort durfte man gespannt sein – beziehungsweise eben gerade nicht, weil der halbwegs bewanderte Student natürlich schon ahnte, dass die barocken Vanitasmotive ewiger Vergeblichkeit dem klassenkämpferischen Engagement nicht günstig sein konnten. Die Lektüre der kommentierten Vorlesungsverzeichnisse war, vorsichtig gesagt, demotivierend. Die Lernziele der Seminare standen immer schon fest. Ein Grundkurs zur Weltkriegsproblematik in der bürgerlichen Literatur 1914–1930 benannte die erwünschten Ergebnisse sogar im Detail: "Anhand ausgewählter Dramen und Romane und zeitgenössischer Quellen sollen autoritäre Strukturen der wilhelminischen Gesellschaft, die Entpolitisierung der bürgerlichen Klasse im Zeitalter des Imperialismus, die irrationalen, romantizistischen Emanzipationsversuche am Beispiel der Jugendbewegung sowie die sozialpsychologischen Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik untersucht werden."

Die bürgerliche Ideologie bei Lessing enttarnen

Man kann verstehen, warum die Germanistik, die ihre NS-Zeit bewältigt hatte, in Ansätzen auch ihre Parteinahme in der DDR, über ihre freiwillige Versklavung im Westen der siebziger Jahre lieber schweigen möchte. Das kommentierte Vorlesungsverzeichnis der FU-Germanisten vom Sommersemester 1975, aus dem die Beispiele stammen (auch wenn sie nicht für jede Universität der Zeit typisch sind), zeigt das Vollbild einer im heiligen Abrakadabra ihrer Begrifflichkeit erstarrten marxistischen Orthodoxie. Empfohlen wird ein Grundkurs über die Märendichtungen des Spätmittelalters: "…bringen sie doch in überaus anschaulicher Form die sozialen Umbrüche und ideologischen Widersprüche einer historischen Phase zum Ausdruck, die durch die Auflösung ständisch-feudaler Beziehungen und der ihnen entsprechenden Bewusstseinsformen und Wertvorstellungen gekennzeichnet ist. Dass diese Literatur aber auch in der kritischen Verarbeitung ideologischer Traditionen, in ihren parodistischen und satirischen Tendenzen feudal beschränkt bleibt, beweisen ihre durchgängig lehrhafte Intention und die Art ihrer didaktischen Schlußfolgerungen."

Beim Wiederlesen dieser Grundkursankündigung fragt man sich allerdings, ob die Beschäftigung mit der Märendichtung wirklich so lohnend sein konnte, wenn sich am Ende nur deren feudale Beschränkung herausstellen sollte. Eine tiefe Traurigkeit geht von dieser Vorlesungsprosa aus, die an den Dichtern der Vergangenheit nichts als schwere gesellschaftliche Bewusstseinsdefizite feststellen kann. Selbst bei dem Aufklärer Lessing zeigt sich nur "der Entwurf einer bürgerlichen Klassenkultur in seinen Schriften", und die fantastischen Erzählungen E.T.A. Hoffmanns erlauben vorzugsweise "die Erfahrung sozialer Widersprüche zu entziffern, die aufgrund spezifischer gesellschaftlicher und individueller Bedingungen zu solchen Formen der Verarbeitung geführt haben".

Hoffnung versprach nur die Arbeiterklasse: "Gegenstand des Seminars ist die in exemplarischen proletarischen Autobiographien konkretisierte Entwicklung der Existenz und Stärke der Arbeiterklasse, des proletarischen Klassenbewußtseins und Selbstbewußtseins, der proletarischen Kultur, Bildung, Moral, Familienbeziehung und Ideologie." Aber auch im Umgang mit dem Proletariat lauerten Enttäuschungen. Ein Colloqium zum Forschungsprojekt "Erforschung der ›Arbeiter‹sprache" annoncierte die eigene Resignation folgendermaßen: "Nachdem im Zusammenhang mit vorangegangenen empirischen Feldstudien festgestellt wurde, daß sich die Methoden der empirischen Sozialforschung ebenso wie der herkömmliche Sprachbegriff für die Untersuchung der Arbeitersprache als ungeeignet erwiesen haben, beschäftigen wir uns im WS erneut mit der Theoriebildung."

Die Schüler zum Bündnis mit dem Proletariat führen