Sonst hat Günther Jauch für ein Versandhaus, eine Betonfirma, eine Klassenlotterie oder einen Internet-Anbieter geworben. Jetzt wirbt er für "Europas ersten Kosmonauten", auf einem bunten Werbemagazin mit schimmernden Kosmosbildern, 32 Seiten, und das Magazin heißt Humboldt. Gemeint ist Alexander von Humboldt, der Naturforscher, der soll Jauchs Kosmonaut sein. Auch Joschka Fischer, noch ein beliebter Deutscher, der aber sonst nie in der Werbung zu sehen ist, hat einen Humboldt-Slogan zu bieten: "Er hat die Vereinten Nationen der Wissenschaft begründet!" Dann, Name für Name, eine Kaskade der Prominenz, für die ausnahmsweise das Wort der Dichter und Denker das passende ist.

Alles wirbt in diesen Tagen für Humboldt. In diesem Kosmos-Magazin, in einem Internet-Portal, in einer Reihe von Veranstaltungen vom 15. September an, an glänzenden Orten wie Berlins Altem Museum, auf allen Schauplätzen also, auf denen sich heute Neues feilbieten lässt. Jetzt auch hier. Es gibt etwas zu kaufen. Prachtvolle und wissenschaftlich ansprechend editierte Bände von Humboldt, den Kosmos, die Ansichten der Kordilleren, die Ansichten der Natur. Der Schriftsteller und Verleger Hans Magnus Enzensberger hat weder Kosten noch Mühen gescheut, um Humboldt ans Volk zu bringen, zur Feier seines Verlags und des eigenen 75. Geburtstags, der ins Haus steht. Ein glänzendes Selbstlob, ein aufsehenerregendes Geschenk an sich selbst.

Muss das Spektakel sein? Offenbar sieht man den Himmel erst an, wenn ein Feuerwerk ihn erleuchtet. Das meiste von Humboldt kann man ja längst in einer Studienausgabe und anderen Editionen lesen. Doch die neuen Bände und ihre Darbietung leuchten. Jetzt ist es mal ein Schriftsteller, der auf der Klaviatur des Marketings zu brillieren versteht und eine kultivierte Alternative ins Spiel bringt: den Weg Humboldts, der als Forscher, Republikaner, Kosmopolit und Schriftsteller im riskanten Selbstexperiment nach einer anderen Moderne gesucht hat. Sehnsüchtig, ruhelos, unter Aufbietung seines gesamten Vermögens.

Der Mann hat ein 90-jähriges Leben lang, in Berlin, Paris und an all den anderen Orten, bloß zur Miete gewohnt. Er hat dafür die Welt von den Anden bis an die Grenze Chinas zu seinem Wohnort gemacht. Ein preußischer Adliger, der über die "kleinliche Moquerie und Tadelsucht" klagte, die "in Berlin und Potsdam herrscht, wo man Monate lang gedankenleer an einem selbstgeschaffenen Zerrbilde matter Einbildungskraft naget". Er hat den griechischen Kosmos und die Welt der wissenschaftlichen Moderne in einem Werk zu versöhnen vermocht. Es spricht der natürlichen Schönheit und der menschlichen Freiheit gleichen Rang zu, respektiert die Kulturen, erkundet die Kreaturen der Welt. Alle "Erscheinungen der Himmelsräume und des Erdenlebens … alles in Einem Werke darzustellen": Das nannte Humboldt seinen "tollen Einfall". Er wirbt für die Welt.