Hongkong

In Hongkongs Armenviertel Ost-Kowloon stehen die Wolkenkratzer so dicht, dass sich zwischen den Fenstergittern Wäscheleinen spannen lassen. Gegen alle Hongkonger Gewohnheiten schließen die Läden in den Betonschluchten des Viertels früh – nicht einmal im heißen Spätsommer gehen die Menschen hier abends noch auf die schlecht beleuchteten Straßen. Ausgerechnet in Ost-Kowloon aber zogen Albert Cheng und Peter Lam am vergangenen Freitagabend ihre Wahlkampf-Show ab – die beste Demokratie-Show, die das große China je erlebt hat.

"Ich habe keine Macht, nur meine Stimme!", ruft Albert in ein Mikrofon. "Aber deine Stimme kennt jeder!", schreit Peter. Plötzlich strömen Anwohner ins Halbdunkel der Straße, bis in die 50. Etage hinauf werden Fenster geöffnet, wenig später dröhnen Lachen und hallender Applaus durch die Hochhausschluchten.

Berühmt durch eine chinesische Harald Schmidt Show auf UKW-Band

Auf der Nase trägt Albert die schwarze Nickelbrille des Intellektuellen, unter dem Wahlkampf-TShirt die dunkelblaue Faltenhose des Geschäftsmannes. Albert ist ein reicher Verleger, hat sogar einmal den chinesischen Playboy herausgegeben. Doch berühmt wurde er mit einer zweistündigen Morgen-Talkshow im Hongkonger Radio. Zehn Jahre lang pflegten er und sein Partner Peter jeden Vormittag ihren kritisch-spöttischen Dialog – eine Art chinesische Harald Schmidt Show auf UKW-Band. Albert erhielt dafür den Spitznamen "Bürgermeister vor zehn", weil ihm die halbe Stadt vor zehn Uhr lauschte. Er half vor einem Jahr die Sars-Epidemie zu enthüllen. Er gab den neuen Arbeitslosen in Ost-Kowloon eine Stimme und predigte fortwährend Freiheit und Demokratie. Bis es den Regierenden in Peking zu viel wurde. Allen Rekordquoten zum Trotz kündigte der Sender in diesem Frühjahr die Show – der politische Druck aus der Hauptstadt zeigte Wirkung.

Doch einer wie Albert lässt sich nicht so leicht zum Schweigen bringen. "Jetzt bin ich wieder auf Sender", witzelte er am Freitag in Ost-Kowloon – nunmehr als Kandidat für die Wahlen zum Stadtparlament am kommenden Sonntag. Zwei Stunden reden er und Peter an diesem Abend wie zuvor im Radio – über hohe Mieten, die Opfer der Sars-Epidemie und demokratische Werte. Um sie herum stehen die Hongkonger, wie man sie sonst nie zu sehen bekommt: in Unterwäsche und Schlafanzug, manche halb zerlumpt. Ost-Kowloon ist wirklich arm. Unter britischer Herrschaft war das Viertel noch Hochburg der von Peking gesteuerten örtlichen Kommunisten. Inzwischen aber steuert Peking die Hongkonger Regierung und kümmert sich nicht mehr um das verelende Arbeitermilieu.

So könnten die oppositionellen Demokraten am Sonntag in Ost-Kowloon vier von fünf Sitzen gewinnen, mit Albert, Hongkongs derzeit populärstem Demokraten, an der Spitze. "Wir kämpfen für Gerechtigkeit und Demokratie und gegen eine riesige Übermacht", warnt Albert vor dem Einfluss Pekings. "Aber du hast das Volk hinter dir", grinst Peter. Bis kurz vor Mitternacht müssen beide Autogrammkarten unterschreiben.

Das ist der Albtraum der chinesischen KP-Führer: ein Hongkong, regiert von Demokraten, die das Zeug haben, ganz China aus der politischen Lethargie zu wecken. Kein führender Kommunist kann die Probleme der Armen heute besser ansprechen als der Radiostar Albert, kein Funktionär beherrscht den modernen Medienapparat so perfekt wie er. Die Hongkonger Wahlen sind denn auch mehr als ein Lokalereignis. "Für die Partei ist Hongkong ein Problem, das die politische Gesamtsituation Chinas betrifft", sagt Shang Dewen, emeritierter Professor der renommierten Peking-Universität und KP-Mitglied. "Es geht um Demokratie oder Diktatur, und die Partei fürchtet, dass ihre Macht über Hongkong durch die Demokratisierung bedroht wird."