Unser Londoner Urururgroßonkel William Hazlitt hatte es nicht leicht. Sein Vater war Minister, und auch er wollte unbedingt etwas Besonderes werden. William versuchte sich als Porträtmaler und Lektor, mit mäßigem Erfolg. Dann probierte er es mit Philosophie, aber sein Essay to human action interessierte die Öffentlichkeit nicht. Also wurde er, natürlich, Journalist, arbeitete als Parlamentsreporter, Theaterkritiker und Kommentator, schrieb vier Bände über Napoleon und brachte es endlich zu einer gewissen Bekanntheit, bevor er 1830 starb.

Sein Haus steht uns heute noch offen, und wenn wir in London sind, sind wir jedes Mal wieder verzaubert, wie die Zeit dort stehen geblieben ist. Soho ist längst keine Gegend mehr, in der die Dukes der Jagd frönen, Soho ist heute ein trubeliges Ausgeh- und Einkaufsviertel im Herzen Londons. Aber wenn man das Haus in der Frith Street 6 dicht am Soho Square betritt und die knarrenden Treppen nach oben in eines der Gästezimmer steigt, ist alles noch wie früher. Die Wandpaneele. Die schiefen Decken und Holzfußböden. Die wuchtigen Himmelbetten, in denen man nach einem stressigen Tag in der großen Stadt so herrlich schläft. Gut, die meisten der alten Bücher, die überall herumstehen, haben erst die Nachfahren des Urururgroßonkels gekauft. Die Kerzen wurden durch elektrisches Licht ersetzt, es gibt Fernseher, Klimaanlage, sogar Internet. Und die Badezimmer aus dem 19. Jahrhundert haben mittlerweile Heizung und fließend warmes Wasser, was wir, ehrlich gesagt, sehr angenehm finden.

Auch sonst geben sich unsere Urbasen und -vettern alle Mühe, uns freundliche, dezente Gastgeber zu sein. Wir können durch die Eingangstür so unauffällig kommen und gehen, als sei dies unser eigenes Haus. Morgens bekommen wir köstliche selbst gebackene Croissants und Pains au Chocolat ans Bett gebracht, abends reserviert man uns einen Tisch in einem angesagten Restaurant. Und als wir einmal wissen wollten, ob es einen Schleichweg gebe, auf dem wir zu Fuß vom berühmten Highgate Cementary nach Hampstead Heath spazieren könnten, lag da später ein handgeschriebener Brief von Cousine Harriet mit der Wegbeschreibung, einer kopierten Karte und ganz lieben Wünschen für einen wunderschönen Tag.

Kein Wunder, dass wir uns dort immer wieder so wohl und geborgen fühlen, dass wir am liebsten gar nicht drüber reden würden. Das müssten wir auch nicht, wenn wir nicht so schamlos gelogen hätten, was unsere verwandtschaftlichen Beziehungen zu William Hazlitt und seinen angeblichen Nachfahren betrifft: Es gibt keine, leider. Harriet ist eine freundliche Rezeptionistin, und das Hazlitt’s ist, so privat man sich auch vorkommt, ein echtes Hotel, bestehend aus drei Häusern aus dem 18. Jahrhundert, von zwei Investoren restauriert, liebevoll mit passenden Antiquitäten eingerichtet und nach dem Journalisten und Essayisten benannt, der dort starb. Auch die Zimmer tragen die Namen von Künstlern, Wissenschaftlern und Diplomaten, die in den vergangenen Jahrhunderten hier lebten, darunter Jonathan Swift und dessen Freundin Mary Barker. Keiner der Räume gleicht dem anderen, jeder ist anders geschnitten, anders möbliert, viele haben stilecht frei stehende Badewannen, in anderen findet man Duschen mit höchst altertümlich aussehenden Bedienelementen, aber tadellosem Spritzwasserschutz, und zu einem gehört sogar, ganz exklusiv, ein grünes Stück Innenhof.

Im Hazlitt’s gibt es kein Hotelrestaurant, aber Restaurants sind im Viertel jede Menge um die Ecke, es gibt auch kein Schwimmbad, aber fit halten kann man sich genauso gut durch Treppensteigen, denn Fahrstühle gibt es auch keine. Ruhebedürftige Gemüter sollten eines der hinteren Zimmer nehmen, die zur Straße sind zwar meist größer und heller, aber gregorianische Schiebefenster halten den Lärm erlebnishungriger Soho-Besucher aus dem 21. Jahrhundert nicht übermäßig ab.

Nicht gelogen haben wir allerdings mit der besonderen Beziehung des Hazlitt’s zu allen, die schreiben. In dem gemütlichen kleinen Aufenthaltsraum im Erdgeschoss steht ein Bücherschrank, für den Autoren, die hier übernachten, ein signiertes Exemplar einer aktuellen Veröffentlichung stiften, vielleicht weil sich unser Nichturururgroßonkel mit dem Schreiben anfangs so gequält hat. Es findet sich J. K. Rowling neben Susan Sonntag, Jostein Gardner neben Peter Arnett, Christopher Lee neben Umberto Eco. Mehr als genug für ein paar Tage, und regnet es auch noch so heftig. Aber im Hazlitt’s bleibt man sowieso länger, als man wollte.

Hazlitt's, 6 Frith Street, Soho Square, London W1D 3JA, Tel. 0044-20/74 34 17 71, Fax 0044-20/74 39 15 24, reservations@hazlitts.co.uk ; www.hazlittshotel.com , Doppelzimmer ab 359 Euro, günstige Wochenendpauschalen