Bolpur/Westbengalen

Abdul Rezak Mollah ist einer dieser Politiker, bei denen man sofort das Gefühl bekommt, dass sie immer schon da waren, wo sie sind, nämlich in einem Amt. Das liegt nicht unbedingt an ihm. Das liegt an Mollahs Partei. Die Communist Party of India – Marxist (CPIM) regiert seit 1977 den indischen Teilstaat Westbengalen. So viele Jahre an der Macht können müde machen. Mollah sagt deshalb nur einen belanglosen, schlappen Satz über das Verhältnis seiner Partei zur Zentralregierung: "Wir wollen, dass die in Dehli im Interesse des Volkes regieren. Tun sie das nicht, dann werden wir ihnen die Unterstützung entziehen!" Danach schweigt er. Alles andere überlässt er seinem Assistenten Sukumar Das, der an der Seite des riesigen Schreibtisches sitzt. Er beantwortet alle Fragen ausführlich, während der Minister Papiere und Akten studiert. Sukumar Das ist Mollahs sprechendes Faktotum.

Es geht um Landwirtschaft. Mollah ist Minister für Landreformen in Westbengalen. Das ist ein wichtiger Posten. Immerhin leben von einer Milliarde Indern 700 Millionen auf dem Land, in dem 90 Millionen Einwohner starken Teilstaat Westbengalen sind es rund zwei Drittel. Das ist ein wenig in Vergessenheit geraten in den letzen Jahren. Indiens Wirtschaft boomte wie kaum eine andere. Im Westen schaute man staunend auf die glitzernden Metropolen der Computerindustrie Hyderabad und Bangalore. Ein Konkurrent wuchs da heran. Wer wollte da noch von dem indischen Dorf reden?

"Indien leuchtet", hatte die alte Regierung geworben – vergebens

Seit den Wahlen im Mai ist das anders. Die regierende Partei BJP verlor überraschend gegen eine Parteienallianz unter der Führung der Kongresspartei (UPA). In Zahlen unterlag die BJP nur knapp, aber psychologisch war es eine desaströse Niederlage. Die BJP hatte mit ihrem Slogan "Indien leuchtet" auf das boomende Indien gesetzt. Die Kongresspartei hingegen hatte die Landwirtschaft in das Zentrum gerückt. Der indische Bauer ist seither wieder zurück auf der Bühne der Politik.

Die Kommunisten in Westbengalen haben das Dorf nie aus dem Auge verloren. Das jedenfalls sagt der Assistent des Ministers und häuft Wachstumszahl auf Wachstumszahl. "Gestern lagen wir noch bei Kartoffeln hinten, heute sind wir Erster…", so geht das mehrere Minuten lang. Sukumar Das hat Grund zur Selbstzufriedenheit. Die Bauern sind produktiver geworden, seit die Kommunisten regieren. Premierminister Manmohan Singh hat durchblicken lassen, dass "man es so machen könnte wie in Westbengalen".

Die Kommunisten in Westbengalen setzen auf Privateigentum

Der Druck auf Manmohan Singh, eine Lösung für die drängenden Probleme der Bauern zu finden, hat seit seiner Wahl noch zugenommen. Rund 700 Bauern haben sich in den letzten 12 Monaten das Leben genommen, weil sie unter der Schuldenlast zusammengebrochen sind. Diese Geschichten haben die Öffentlichkeit aufgerüttelt und die Erwartungen an die Regierung in Dehli erhöht. Manmohan Singh ist dabei zu einer Gratwanderung gezwungen. Als Finanzminister hat er 1991 einen Teil der indischen Wirtschaft liberalisiert und damit die Voraussetzungen für Wachstum geschaffen. Die Landwirtschaft dagegen blieb ein relativ geschlossener Markt. Sie soll aber nach und nach der internationalen Konkurrenz geöffnet werden. Das zwingt zu Reformen, die viele Bauern fürchten, weil sie sich der Globalisierung nicht gewachsen fühlen. Auch deshalb, weil die Landwirte in den USA und Europa in großem Maße subventioniert werden und ihre Produkte zu niedrigen Preisen auf dem Weltmarkt verschleudern können.