Irgendwann scheinen auch den Erzähler leichte Zweifel zu beschleichen: "Ich weiß, was ihr jetzt denkt. Ihr denkt, daß ihr jetzt vom Sex wirklich genug gehört habt. Ihr wollt jetzt etwas völlig anderes hören. Euch ist nach der Beschreibung einer Bergbaustadt in Sachalin…" Nein! Aber nein doch! Bitte weiter, mehr! Mehr! Und der Erzähler hat ein Einsehen – es war ja auch nur ein kleiner, leicht durchschaubarer rhetorischer Kniff – der junge englische Autor von Strategie, Adam Thirlwell, schreibt weiter, und der Schauspieler Boris Aljinovic spricht weiter, mehr feuchte Einzelheiten, mehr Sex, mehr von "Sagte er, sagte sie", von einer Ménage-à-trois in englischen Gefilden.

Was sich anfangs so vielversprechend als Hörbuch anbietet (Gibt es etwas Schöneres, als lüsterne Details in aufnahmebereite Ohren zu flüstern?), erweist sich nach Kapiteln wie Vorspiel, Die jüdische Nummer, Darf ich unartig sein? zunehmend als digitale Belastung. Die alte Porno-Frage "Wie fülle ich die Lücken zwischen dem Sex?" kann nicht durch Überblättern der Seiten gelöst werden, die Teile dazwischen müssen abgelitten werden, bis wir wieder zum Thema kommen. Und hier liegen die hörbaren Schwächen: Adam Thirlwell wählt den ironischen Tonfall des Bekenntnis-Pop, mischt kleine Aha-Sentenzen mit flott tönenden Innenansichten und Klatscheinlagen: Du bist nicht allein mit deinen Sex- und Modeproblemen (Was du schon immer wissen wolltest). Liefern da die pornotechnischen Gebrauchsanweisungen das Alibi für Zeitgeist-Plaudereien, oder ist es andersrum? Das Booklet antwortet: "Geniestreich. Es ist ein politisches Buch. Es ist ein Buch über hemmungslosen Sex. Es ist hochmoralisch und zugleich tabulos bis zur Pornografie." Tabulos, tabulös? Oh Gott, ja, tiefer, ooh! Dann lieber doch ein Hoch auf die reine Pornografie ohne auktoriales Mäntelchen und Du-und-deine-Welt-Kommentare.

Auch der ehemals so süffige Von-Duckwitz-Autor Joseph von Westphalen setzt kräftig aufs Stöhnen und aufs "Noch einmal" mit seinem "kleinen scharfen Roman" über Lametta Lasziv, eine freundliche ambulante Liebesdienerin, die beim Oralverkehr nicht auf den sächsischen Dialekt verzichten mag – in dieser Klamottenklasse etwa – Lameddah! Nach dem mutzenbacherischen Reigenmotiv geht’s vom englischen Colonel, der auf Bombardierungen fixiert ist, zum masochistischen Brauereibesitzer über den dicken Umweltschützer aus Sachsenhausen und den stockkonservativen Chefredakteur bis zum brüllenden Literaturkritiker, der an seiner Autobiopornografie schreibt und die Definition von Erfolg liefert: "Wenn eine Zuhörerin nicht anders kann, als Hand an sich zu legen, um sich Erleichterung zu verschaffen."

Hier verlassen wir endgültig das "prickelnde, erotische Vergnügen" auf Kishon-Basis und halten uns an Lamettas Motto "Nicht immer mag man, was man kann", um auf Sex And The City umzuschalten, das in seiner Buchfassung von Candace Bushnell zumindest den frechen, trockenen Ton der New Yorker hält. "Frauen, die man mit bloßem Auge nicht auseinander halten könnte" werden da fein aufgespießt, dazu Mr. Big oder Mr. Right. Es wird zwar keine Schablone ausgelassen, doch Glamour und Intellekt tun sich nicht ernstlich weh. Die Tradition einer Anita Loos oder Dorothy Parker wirkt nach. Am Bett vorbei ist voll daneben nennt sich die Sammlung über Themen wie King Kong, Sexclub oder die Erotik des Unerträglichen. Spritzig und leicht melancholisch.