Wenn es stimmt, dass das 20. Jahrhundert das Säkulum der Sexualität war, in dem das Begehren und seine Rituale alles zu begründen hatten, von Gott bis zum gesellschaftlichen Zusammenhang, von der Seele bis zur Technik; wo Gier und Fantasie ebenso alles zu zerstören hatten: Tabus und Traditionen, Scham- und Körpergrenzen, Geschlechter- und Familienordnungen –, wenn an dieser Allmacht des Sex im 20. Jahrhundert etwas dran sein sollte, dann fragt sich heftig, was danach kommt.

Die englische Erzählerin Louise Welsh gibt eine erste Antwort: Nach dem Sex kommt der Rückblick auf den Sex. Es ist ein Blick zurück in Betrübnis und gespieltem Entsetzen. Welshs erster, gleich mehrfach ausgezeichneter Roman Dunkelkammer spielt in einem regennassen Hinterstuben-Glasgow, in dem alle Schauplätze zugleich auch als Setting für einen Hardcore-Porno der schmuddeligen Art dienen könnten.

Ein schwuler Auktionator namens Rilke (sprich: Rilkie), den wir zur Einführung erst mal beim Cruisen im Stadtpark begleiten dürfen, entdeckt in einer fremden Wohnung Fotos von sexueller Folter und Ritualmord. Eigentlich geht ihn das gar nichts an, er weiß nicht mal, ob das alles nicht nur gestellt, also bloßer Schein des Bösen ist. Eigentlich kein schlechtes Motiv, könnte Rilke doch sein eigenes Begehren darin verzerrt wiedererkennen. Nun passiert aber etwas anderes, nichts Ungewöhnliches in der Populärliteratur: Im instabilen Schnellsexliebhaber erwachen der tüftelnde Kommissar, die amerikanische Detektivmoral und die Bereitschaft zum Selbstopfer. Er schleppt sich und uns durch die grausamen Hinterzimmer von Buchhandlungen und Videotheken (das Böse in den Archiven der Kultur!) und andere Rattenlöcher, um einer Spur zu folgen, bei der erstens ein totgeglaubter Übeltäter wieder erwacht und die zweitens in einem Bordell im Paris der vorletzten Jahrhundertwende mündet.

Ist dies der Schauplatz des abgebildeten Verbrechens? – Nein, es ist der Schauplatz der Urszene. Hier, bei den frivolen und schließlich transgressiv denkenden Franzosen, fing das alles an, und es endet damit, dass die Leiche sexueller Übermächtigkeit im fernen Schottland wieder auftaucht wie das Ungeheuer von Loch Ness: als Story nicht totzukriegen, doch der Triftigkeit beraubt. Eigentlich amüsieren wir uns nur über die Schreckgestalt des fernen Säkulums von gestern. Und gruseln uns höflich vor dem Einschlafen.