Ein Geheimtipp war er schon lange. Als ich vor zwanzig Jahren slowenische Autoren fragte, wen sie für den großen Unterschätzten unter den Erzählern ihres Landes hielten, fiel immer wieder der Name dieses 1928 geborenen Außenseiters. Sohn eines slowenischen Emigranten und einer Deutschen, die in Basel gelebt hatten und von dort 1938 ins Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen ausgewiesen wurden, scheint Lojze Kova‡i‡ die Rolle des Fremden im eigenen Land früh als die seine akzeptiert zu haben.

Nach dem Tod des Vaters und der Remigration der Mutter bleibt der Heranwachsende alleine in einem vom Krieg überzogenen Land, wo er den Slowenen als Deutscher, den Deutschen als Slowene verdächtig ist und seine Identität im Provisorium, in einem bedrohlichen und lockenden Zwischenreich entwirft. Die Heimatlosigkeit nimmt er als Fluch und Chance zugleich, und diese Ambivalenz der Gefühle, mit der der junge Lojze Kova‡i‡ dem über ihn verhängten Schicksal begegnete, findet sich später in seinen Büchern wieder.

Teile eines einzigen großen Lebenswerks, der Saga einer zerstörten, auseinander gerissenen Familie, sind seine Romane, Novellen, Erzählungen allesamt. Das Opus magnum ist jene Trilogie, von der nun das erste Buch endlich ins Deutsche übersetzt wurde. Die slowenische Literaturkritik hat Die Zugereisten 2000 zum "Roman des 20. Jahrhunderts" gekürt; in ihrer poetischen wie peniblen Erkundung einer Familie, deren Untergang sich vor dem düsteren Horizont der Epoche vollzieht, ist die Trilogie, die den Untertitel Eine Chronik trägt, der grandiosen mitteleuropäischen Familienchronik des Danilo Ki∆ vergleichbar.

Die Chronik setzt ein an einem Sommertag des Jahres 1938. "Vati" und "Mama" des zehnjährigen Ich-Erzählers namens Samson haben den Ausweisungsbescheid erhalten und müssen sich unverzüglich am Bahnhof einfinden, um Basel zu verlassen. Dreißig Jahre haben sie hier gelebt, doch der Schneider aus Jugoslawien, der es mit Fleiß und Geschick zu Wohlstand gebracht hat, ehe er in der Weltwirtschaftskrise alles wieder verlor, hat in den guten Zeiten darauf verzichtet, die Schweizer Staatsbürgerschaft zu erwerben. Er wollte ja immer nach Hause, und jetzt, da er nicht mehr will, muss er. Die Fahrt geht nach Slowenien, das Samson nur aus den Erzählungen Vatis kennt, in ein mythenumwobenes "Land, wo viele Pferde in den Ställen standen, von denen ich eines losbinden würde", um zum Fluss zu reiten.

Schon die Eingangsszenen des überstürzten Aufbruchs, der aufregenden Fahrt durch die Schweiz und Österreich, die Bilder nächtlicher Bahnhöfe halten die Balance zwischen Schrecken und aufblitzender Lebenslust, zwischen Unheil und prekärem Glück. Für die Eltern bedeutet die Reise sozialen Abstieg, eine ungewisse Zukunft, Angst und Verzweiflung – für "Bubi", wie Samson von ihnen gerufen wird, bedeutet es das alles auch, aber zudem das Abenteuer einer mit einem Mal gar nicht mehr behüteten Jugend, die Ahnung, dass die Welt groß ist und es eine Freiheit gibt, die jenseits der Schweizer Sekurität liegt.

In Slowenien geht es mit der Familie rasant bergab. Die Verwandten in der Provinz, bei denen sie fürs Erste unterkommen, begegnen den "Deutschen" feindselig; das Land ist arm, und ein europäischer Krieg, der noch das abgelegenste Dorf erreichen wird, wirft seine Schatten voraus. Die slowenische Sprache kann Samson nicht verstehen, sie erinnert ihn an "Ess- und Trinkgeräusche", kommt ihm vor wie "Nebel im Kopf". Die unentrinnbare Mechanik, die verheerend ins Leben der Familie greift, fängt Kova‡i‡ in Episoden ein, die nicht weiter erklärt, sondern aus dem Erleben des Zehnjährigen gestaltet werden. Mit merkwürdig kalter Klarsicht registriert er, was ihm, der kleinen Schwester und den ewig miteinander streitenden Eltern widerfährt: "Ich kannte ihre immer auf dieselbe Weise vorgebrachten Beweise und Gegenbeweise auswendig, sodass sie schon wie Mumien wirkten und mich nichts mehr angingen."

Der Vater versucht in Ljubljana als Kürschner Fuß zu fassen, die Familie folgt ihm in ein schäbiges Zimmer am Stadtrand. Dorthin kommt auch Clairi, die viel ältere der beiden Schwestern, die ein paar Monate länger in der Schweiz hatte bleiben dürfen. Die elegante junge Frau, die anfänglich noch aus der Sicherheit lebt, die ihr die bürgerliche Existenz in der Schweiz vermittelte, bermüht sich verzweifelt, dem Niedergang, der die Familie wie in einem Strudel immer tiefer ins Elend reißt, zu trotzen. Es dauert kein halbes Jahr, und die stolze Frau muss sich prostituieren, um die Familie vor der Obdachlosigkeit zu bewahren. Wir erfahren davon nur aus der Sicht Samsons, den die Ereignisse aufwühlen, der sie aber stets mit dem Interesse des Pubertierenden betrachtet, für den alles, was er an Schrecklichem erfährt, auch etwas erregend Neues ist, das ihm ein Geheimnis der Welt offenbart.

Ein Umzug führt die Familie in das anrüchige Viertel Bohoriceva. Jetzt hat Samson das Siechenhaus vor Augen und Zigeuner als Nachbarn. Längst ist aus dem verwöhnten Bubi, den es vor der großen Stadt, den groben Leuten, dem Gespött der Einheimischen schauderte, ein wilder Jugendlicher geworden, der sich zu behaupten weiß. Zu den Dingen, vor denen er sich nicht als feige erweisen darf, gehören auch die sexuellen Avancen, die ihm im Hinterhof ein Zigeuner-Mädchen macht. Kaum dass er seine Scheu überwindet, verliert er die Freundin schon wieder: "Als ich am nächsten Tag wiederkam, fest entschlossen, unsere Schweinerei zu Ende zu bringen, war meine Geliebte nicht mehr da… Es war immer dasselbe: Entweder zog ich weg, oder die anderen zogen weg."