Die Manager aus den Lkw-Fabriken können in diesen Tagen entspannt zu ihrer wichtigsten Branchenmesse dieses Jahres, der Nutzfahrzeug IAA, nach Hannover fahren. Das Geschäft mit Lastwagen brummt. Vor allem schwere Lkw ab sechs Tonnen Nutzlast sind gefragt. Kein Wunder, dass die Nutzfahrzeughersteller im Chor jubilieren. Schließlich können sie seit dem Einbruch im Jahr 2001 jetzt wieder durchweg zweistellige Wachstumsraten beim Bestelleingang vorweisen. Allein bis Juli 2004 verbuchte das halbe Dutzend der führenden Nutzfahrzeughersteller Europas – Mercedes-Benz, Volvo/Renault, Iveco/Fiat, MAN, DAF/Paccar, Scania – im Schnitt ein Plus von 17 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Selbst der sonst dahindümpelnde deutsche Binnenmarkt floriert bei den Lastern. Die deutschen Hersteller Mercedes-Benz, MAN und Iveco/Magirus können sich über eine wahre Orderflut aus dem Inland (plus 36 Prozent im ersten Halbjahr) wie aus dem Ausland (plus 34 Prozent) freuen. Im ersten Halbjahr 2004 stieg die Produktion um 21 Prozent. "Mit über 76000 hergestellten Fahrzeugen wurde in dieser Gewichtsklasse damit ein neuer Produktionsrekord erzielt", berichtet der Verband der Automobilindustrie (VDA).

Das hilft auch Autokonzernen, deren Pkw-Geschäft derzeit zu wünschen übrig lässt, wie etwa Fiat mit seinem Ulmer Iveco-Magirus-Werk, wo Schwerlaster vom Band laufen. Und selbst der sonst nicht gerade mit guten Nachrichten verwöhnte DaimlerChrysler-Chef Jürgen Schrempp kann sich über steigende Profite seiner Lkw-Bauer freuen. Nachdem Spartenchef Eckhard Cordes ein schmerzhaftes Restrukturierungsprogramm durchgezogen hatte, kommt den Schwaben jetzt die anziehende Nutzfahrzeugkonjunktur zupass. Seit Monaten kann der Weltmarktführer Ordereingänge einfahren, die über dem Durchschnitt der Branche liegen. Die Folge ist, dass der Konzern mit der Produktion in seinen deutschen und türkischen Fabriken kaum nachkommt. "Wir sind an den Kapazitätsgrenzen angelangt", stellt Vertriebschef Frank Reintjes fest. Die Lieferzeiten für Laster mit dem Stern betrügen derzeit zwei bis zweieinhalb Monate. Lohn für Spartenchef Cordes: Er darf jetzt als Chef zur prestigeträchtigen Pkw-Sparte wechseln.

Die Aufbruchstimmung kommt Bernd Gottschalk, Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), gelegen. Schließlich herrscht beim Pkw-Geschäft im Inland eine nachhaltige Flaute, da kann man den Boom bei den schweren Brüdern gut gebrauchen. "Das Jahr der 60. IAA Nutzfahrzeuge wird ein Jahr gut gefüllter Auftragsbücher, ausgelasteter Kapazitäten und gesicherter Beschäftigung", betont der Verbandsobere, "selten haben sich so viele internationale Nutzfahrzeugmärkte im Gleichschritt nach oben bewegt. Die Produktionskapazitäten stoßen zunehmend an ihre Grenzen".

Neue Arbeitsplätze bringt der Lkw-Boom der Branche mit knapp 200 000 Jobs in Westeuropa und der Türkei freilich kaum. Die dicken Auftragsbücher werden erst durch längere Arbeitszeiten und flexiblere Strukturen im Fertigungsverbund der Konzerne abgearbeitet. So können etwa Beschäftigte aus den schlecht ausgelasteten Bussparten in der Lastwagenproduktion eingesetzt werden.

Aber der jüngste Brummi-Boom sorgt für bessere Renditen und stabile bis steigende Preise. Das trifft ebenso auf das Geschäft mit Gebrauchtlastern zu. Nur wenn "die Alten" wieder günstig und rasch weiterverkauft werden können, folgt ein Neugeschäft. Die Kundschaft kommt aus Osteuropa, der Türkei bis hin zum Mittleren Osten. "Die Gebrauchtfahrzeugmärkte sind leer wie schon lange nicht mehr, und das ist einer der wesentlichen Pfeiler unseres Wachstums", sagt Mercedes-Vertriebschef Reintjes. Der Wiederaufbau des Iraks löst in den Nachbarländern offenbar einen immensen Bedarf an Transport- und Baulastern aus.

Auch die Osterweiterung der EU beflügelt den Markt. Hier sind vor allem Gebrauchtfahrzeuge gefragt. Die Fuhrunternehmer im Westen wiederum sind froh, ihre angejahrten Flotten nun zu günstigen Konditionen loszuwerden.

Wie dauerhaft der Käuferansturm sein wird, ist allerdings unklar. Mercedes-Mann Reintjes sieht in den hohen Preisen für Erdöl und Rohstoffe wie Stahl "ein dämpfendes Element". Und niemand weiß, wie lange die wirtschaftliche Blüte in China, Indien und Korea noch anhält. Immerhin prophezeit Ferdinand Dudenhöffer vom Leverkusener Prognoseinstitut B&D Forecast auch für die nächsten Jahre einen – moderaten – Anstieg (siehe Grafik). Und VDA-Präsident Gottschalk setzt große Hoffnungen auf den "ökologischen Quantensprung" bei den Dieselabgasen. "Diese IAA wird den Startschuss für radikal abgasreduzierte Nutzfahrzeuge geben."