Frühwerke umfassen oft mehr, als ihre Schöpfer ahnen. Bach war in seinen Zwanzigern so kühn, dass er auf die Jugenderfindungen noch im Alter zurückgriff, Brahms ging es ähnlich, und György Ligeti schrieb mit 20 Jahren Klaviermusik, die noch heute Zukunft hat. Nur knapp zwei Minuten dauert die Polyphone Etüde für vier Hände von 1943, aber sie enthält polytonale Schichtungen, Akzente, die wie Spuren einer unhörbaren Linie aus dem Geflecht ragen, und über allem ein banales Klimpermotiv, das wie ein Sample zugeschaltet wird und sowohl ironisch als auch maschinell wirkt. Man erlebt da einen kurzen, kühlen Blick wie von weit draußen.

Das ist eine der kleinen, großen Überraschungen einer Doppel-CD (tacet 129), die Ligetis sämtliche Werke für Klavier und Cembalo umfasst und einen spannenden Weg durch das Universum dieses Künstlers öffnet. Die frühen, vierhändigen Stücke hat er erst vor fünf Jahren drucken lassen, und mit ihnen beginnt Erika Haase (nebst Duopartnerin Carmen Piazzini) eine Reise, die allein schon ihrer technischen Strapazen wegen Respekt abfordert. Haase, Jahrgang 1935, spielte in den fünfziger Jahren Avantgarde, kümmerte sich später eher um Chopin und ihre hannoversche Professur - und durchmisst jetzt mit Ligeti und in Topform noch einmal fünf Jahrzehnte.

Nach der strengen und seltsam ausweglosen Musica Ricercata von 1953 gerät man mit Continuum, fünfzehn Jahre später, auf einen anderen Planeten. Der Komponist hat inzwischen mit schillernden Klangtexturen seinen Weg an die Spitze der Zeit gefunden und unternimmt in seinem Cembalostück die Umschmelzung eines Barockgeräts in einen Wellensimulator. Erika Haase spielt dieses Wunderwerk organisch, strukturklar und plastisch. Nicht nur perfekt, sondern auch mit Genuss. Aufnahmetechnisch ist das die wohl beste Einspielung von Continuum - einem Neupert-Cembalo hätte man so viel Farbe, Tiefe, Plastizität gar nicht zugetraut.

Das Selbstportrait von 1976 realisiert an zwei Flügeln eine Art akustischer Bildschirmstörung, in der sich der Porträtierte eher auflöst als zu erkennen gibt, Hungarian Rock für Cembalo von 1978 ist ein witziges Stück, das diesen freien Geist im hellsten Licht zeigt. Der engen Avantgardeszene hat Ligeti stets die Weite der Welt vorgezogen, Chemie und Fraktale interessierten ihn, Nancarrow und Zentralafrika. All das fließt ab 1985 in die Etudes pour piano.

Und es lebt, wie Erika Haase zeigt. Sie erreicht nicht immer die Konturschärfe von Kollegen wie Pierre-Laurent Aimard, hat aber umso mehr Sinn für das Poetische. Damit trägt sie auch Ligetis Sehnsucht nach der Tonalität Rechnung, einer Sehnsucht, die im Laufe der Etüden immer deutlicher wird - bis der Komponist in den spätesten Stücken sich jener Gegend nähert, von wo aus er einst aufbrach. 1943 war der Schlussakkord dissonant. 2001 ist er in a-Moll.