Nicht einmal in Gedanken möchte man eine solche Situation durchleben müssen: Die Terroristen in Beslan sollen einer Mutter, die sie zusammen mit zwei Kindern in ihre Gewalt gebracht hatten, ein zynisches Angebot gemacht haben. Sie könne ihres Weges gehen, eines der Kinder müsse jedoch bei den Geiselnehmern bleiben. Was soll eine Mutter mit einer solchen vergifteten Offerte machen, deren Sadismus das Verbrechen selber noch übersteigt? Welches Kind soll sie retten, welches zurücklassen? Darf sie eine solche Wahl überhaupt treffen? Oder wenn sie, ihr eigenes Leben drangebend, eher mit beiden Kindern zusammen an Ort und Stelle bleiben möchte – darf sie denn die Chance verstreichen lassen, wenigstens eines der Kinder außer Gefahr zu bringen? Und wenn sie sich denn in ihrer Verzweiflung für die Rettung wenigstens eines Kindes entschiede – wie wollte sie ihr Leben weiter fristen, den letzten Blick des anderen, des geopferten Kindes vor Augen bis zu ihrem letzten Tage, Tag und Nacht? Selbst wenn dieses Verbrechen und diese mütterliche Zwangslage unblutig beendet worden wären: Wie hätte sie je ihr zunächst geopfertes, dann aber doch noch befreites Kind so in die Arme schließen können wie zuvor? Ein Kind nämlich, das für sein Leben weiß: Meine Mutter hatte lieber mich als meinen Bruder, meine Schwester den Mördern überlassen. Eine richtige Entscheidung ohne moralische und seelische Hypotheken kann es in solchen wahrhaft tragischen Lagen für die Erpressten nicht geben.

Die Politiker, die von Terroristen herausgefordert werden, sei es in Beslan, sei es anderswo, werden seelisch nicht derart existenziell getroffen. Dafür aber handeln sie ins Hundertfache und ins Politische potenziert: Was immer sie entscheiden – es betrifft nicht nur viel mehr Menschen im Hier und Jetzt, sondern ihr Handeln wirkt weiter auf alle künftig denkbaren Fälle. Auch sie können nicht mit einem von moralischen Hypotheken freien Ausgang rechnen.

Eines aber zeigt der Vergleich von Anfang an deutlich: Schuld an dem verbleibenden moralischen Makel trägt weder die Mutter noch der Staatsmann, sondern allein der Geiselnehmer. In der griechischen Tragödie waren es Götter, also Über-Menschen, die Menschen schuldlos schuldig werden ließen. Hier sind es Menschen, die man nur zu gerne Un-Menschen nennen würde.

Leben gegen Leben: Das Leben geretteter Geiseln gegen das Leben ihrer ermordeten Schicksalsgenossen, auch gegen das Leben der bei einer Erstürmung von "Rettern" getöteten Geiseln. Oder im Falle des Nachgebens gegenüber Terroristen: Das verschonte Leben dieser gegenwärtigen Geiseln gegen das bedrohte Leben künftiger Geiseln, die später von Verbrechern genommen werden, die sich durch diese Nachgiebigkeit ermuntert sehen. Leben gegen Leben: Diese Wahl geht, rein moralisch, niemals auf; und dennoch gibt es aus ihr im konkreten Leben keinen Ausweg. Wie immer man sich entscheidet, es bleibt ein Rest des Versagens. Doch: Nicht entscheiden – auch das heißt versagen.

Bei Kindern sind wir sehr empfindlich, das wussten schon die RAF-Terroristen

Was also bleibt zu entscheiden? Darf die Zahl der Geiseln, deren Leben bedroht ist, in das Kalkül eingehen? Etwa so: Zehn Geiseln gegen zehn Freizupressende – nein! Tausend Geiseln gegen fünf Freizupressende – ja? Zehn Geiseln heute – das nächste Mal möglicherweise hundert? Darf man zwischen Geiseln und Geiseln unterscheiden, zwischen Männern und Frauen, zwischen Erwachsenen und Kindern? Solange die unverwechselbare Würde des Menschenlebens gilt, ist dies – moralisch betrachtet – eine unmögliche Abwägung. Aber wer wollte es den handelnden Politikern verdenken, wenn sie von solchen Gesichtspunkten gleichwohl bedrängt würden? Als nach der Entführung von Hanns-Martin Schleyer durch die Terroristen der RAF auch noch die Lufthansa-Maschine Landshut mit der fünfköpfigen Besatzung und 86 Passagieren gekapert wurde, hatte sich für den Bonner Krisenstab zwar nicht die abstrakte moralische, sehr wohl aber die konkrete psychologische Lage gewaltig verändert. Wer wollte gänzlich ausschließen, dass eine weiter wachsende Zahl bedrohter Menschenleben das Denken doch noch verändert hätte?

Eine historische Fußnote: Im "alten", wenn auch längst korrumpierten Kriegsrecht wurden Geiseln nach einem Verstoß gegen seine Normen genommen, etwa als Antwort, als Repressalie auf einen "verbotenen" Partisanenanschlag; auch das, siehe die Nazigreuel, bisweilen im verbrecherischen Übermaß eines verbrecherischen Krieges. Im Terrorismus ist die Geiselnahme selber das ursprüngliche Verbrechen. Aber der Rechtsstaat selber nimmt nie Geiseln. Deshalb wurden 1977 im Bonner Krisenstab beide Gedanken schnell fallen gelassen – sowohl die Erwägung, die Tötung einsitzender Terroristen als Repressalie anzudrohen, als auch die aberwitzige Idee, eine bedingte Todesstrafe einzuführen: Vollzug, wenn es zu weiteren Morden kommen sollte.

Und wenn das Leben von Kindern bedroht ist, wie zu Hunderten in Beslan? Müsste dann nicht der kaltblütigste Moralist, der härteste Politiker weich werden? Wie empfindlich wir Menschen für das Schicksal von Kindern sind, zeigte sich nicht zuletzt im Kalkül der RAF-Terroristen, als die Entführer Schleyers ganz bewusst seinem Auto einen Kinderwagen in den Weg rollten, um den Konvoi zu stoppen. Politiker, die selbst in ausweglosen Situationen auch daran denken müssen, wie die Bevölkerung auf ihre Entscheidungen reagiert – und zwar emotional, nicht nur rational –, müssen da erst recht ins Grübeln kommen. Doch wie immer sie dem Kalkül der Terroristen nachgeben, die auf dieses zu erweichende Herz längst setzen – sie setzen damit, so oder so, eine Prämie auf künftige Geiselnahmen aus.