Die Zahl der Sandstürme in der Sahara ist in den vergangenen 50 Jahren stark gestiegen – mit globalen Auswirkungen. Der Staub wird über Tausende Kilometer transportiert und steht zum Beispiel im Verdacht, das Korallensterben in der Karibik zu fördern. Während in China und Australien die Sandstürme abgenommen haben, wird ihre Zunahme in der Sahara vor allem der Dürre im Sahelgürtel und der Erosion durch Überweidung, Entwaldung und Besiedlung zugeschrieben. Nun kommt eine überraschende Ursache hinzu: der Übergang vom Kamel zum Geländewagen als Haupttransportmittel der Wüste.

Mit dieser These hat der Oxforder Geomorphologe Andrew Goudie auf dem Jahreskongress der Internationalen Geographischen Union für Wirbel gesorgt. "Beim Blick aus der Luft ist die Sahara kreuz und quer von Radspuren durchzogen", sagt Goudie. Schuld seien nicht nur Autorennen wie Paris–Dakar. Vor allem im Umkreis größerer Städte wie Kairo oder der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott sei die "Toyotarisierung" der Wüste deutlich zu beobachten. Die in Afrika beliebten japanischen Allradfahrzeuge brächen die schützende dünne Kruste aus Flechten, Algen, Lehm und Kies an der Erdoberfläche auf. Sand und Staub sind dann leichter aufzuwirbeln. Er würde "Off-Road-Fahren verbieten", sagt Goudie.

"Lokal können Autos schon einen kleinen Effekt haben", widerspricht Ina Tegen vom Max-Planck-Institut für Biogeochemie in Jena. "Auf die gesamte Sahara bezogen, spielt das aber keine Rolle." Tegen gehört zu einer DFG-Forschergruppe, die die globale Staubverteilung untersucht. Nur zehn Prozent davon gingen direkt auf menschliches Einwirken zurück, schätzt sie, der große Rest hänge von Luftfeuchtigkeit, Windstärke und anderen Klimaeinflüssen ab.

Über eine Milliarde Tonnen Staub trägt der Wind jedes Jahr aus der Sahara fort, nach Europa, Grönland, Florida oder Amazonien. Die Auswirkungen sind vielfältig. In der Amazonas-Region "düngen Sandstürme aus der Sahara den Regenwald", sagt Goudie. Auch bei der Verbreitung von Krankheiten wie der Maul- und Klauenseuche spielten Sandstürme eine Rolle. Und pudert grauer Staub das weiße grönländische Inlandeis, kann es weniger Sonnenlicht reflektieren. Das Eis erwärmt sich, schmilzt und hebt den Meeresspiegel. In der Atmosphäre kann Staub aber auch zur Abkühlung führen. Welcher Effekt überwiegt, ist noch unerforscht.

"Staub ist das Cinderella-Thema der Klimaforschung", meint Goudie. Erst seit einigen Jahren werde es in der Fachwelt ernst genommen. Zuvor waren Schätzungen der verwehten Staubmengen aus der Sahara schlicht unmöglich. Dass heute Zahlen vorliegen, ist ein Nebeneffekt der Ozonforschung. Daten aus dem Programm "Total Ozone Mapping Spectrometer" (Toms) von sechs Erdbeobachtungs-Satelliten geben indirekt Aufschluss über Zahl, Zusammensetzung und Zugwege der Sandstürme. "Trotzdem ist die Datenlage noch sehr schwach", sagt Jost Heintzenberg, Sprecher der DFG-Forschergruppe. Genauere Erkenntnisse sollen der europäische Umweltsatellit Envisat und Beobachtungen vor Ort bringen, von Mitte nächsten Jahres an in Südmarokko. Zwar wäre die Bodélé-Depression im Tschad interessanter, aus der die Hälfte des fortgeblasenen Sahara-Staubs stammt. "Aber es traut sich kein Forscher hin", sagt Heintzenberg, "Die Gefahr, von Terroristen entführt zu werden, ist zu groß."

Derweil besteht Andrew Goudie darauf, der Effekt der Allradautos in der Wüste sei "nicht unerheblich". Er bestreitet allerdings auch nicht, dass der Tschadsee mittlerweile auf ein Zwanzigstel seiner Fläche eingetrocknet ist. Da ist die Dürre stärker als sämtliche Off-Roader.