Wie schön wäre das: ein Reiseleiter, der stets den Weg weiß, der zu jedem Kunstwerk und jedem Gebäude etwas erzählen kann – aber auf Kommando schweigt. Der geduldig alles wiederholt, wenn man einmal nicht aufgepasst hat, und dabei immer höflich bleibt; der Pause macht, sobald seine Zuhörer erschöpft sind; der nicht weiterdrängt und der auch nicht böse ist, wenn man das Besichtigungsprogramm nicht schafft. So einen Reiseleiter gibt es nicht? Es gibt ihn doch!

Sein Name ist Personal Digital Assistant, kurz PDA. Äußerlich ist er einer dieser hilfsbereiten Streber, die einem in der Lufthansa-Business-Lounge begegnen, wo sie dann Palm heißen. Er hat 65536 Farben, eine LED-Hintergrundbeleuchtung, ist taschenbuchgroß, sein Bildschirm misst 3,5 Zoll, er sagt höflich bitte und danke und spricht fließend deutsch und englisch. Sein mittlerweile etwas betagter Vorfahre ist der oft in Museen anzutreffende Audio-Guide. Rein technisch ist er ein "bild- und tongebendes System", rein praktisch ein sprechender Hybride aus Reiseführer, Stadtplan, Kunstband, nur eben aus Pixeln statt Papier. Sein Einsatzgebiet ist Nürnberg, genauer: Dürers Nürnberg.

Eine Stadt, die es nicht leicht hat, weil sie für Besucher aus dem Ausland vor allem eine pittoreske Lebkuchen- und Bratwurstkapitale ist und für alle anderen das Zentrum der verwalteten Arbeitslosigkeit. Dabei hat Nürnberg noch viel mehr, vor allem ihn: Albrecht Dürer, 1471 bis 1528, Maler, Kupferstecher, Holzschnittmeister, Kunsttheoretiker, Ratsherr, Diplomat. Kurz gesagt: der berühmteste Nürnberger aller Zeiten. 70 Gemälde, 100 Kupferstiche, 350 Holzschnitte und 900 Zeichnungen umfasst sein Werk, darunter zahlreiche Stadtansichten. Doch nicht nur Nürnberg hat in Dürers Werk Spuren hinterlassen, sondern auch Dürer in Nürnberg, weshalb die Synthese von Stadt und Künstler am besten begreift, wer auf Dürers Pfaden durch Nürnberg wandert. Weil sich der Besucher dabei nun leicht verlaufen kann und, wenn er nicht einen Dürer-Kunstband plus Dürer-Biografie plus Nürnberg-Chronik unter dem Arm mit sich schleppt, auch an den meisten Dürer-Spuren gedankenlos vorbeiläuft, gibt es seit kurzem den digitalen Stadtführer. Die Vorteile gegenüber dem nichtdigitalen Stadtführer aus Fleisch und Blut liegen auf der Hand: Er nervt nicht, man muss keine Gruppenführungstermine einhalten und nicht wie ein Schaf hinter seiner Herde hertrotten.

"Weil Dürer ein großer Innovator war", sagt die Kulturreferentin Annekatrin Fries, "sollte auch der Rundgang etwas ganz Neues sein." Die Technik an sich ist zwar nicht neu, aber der Personal Digital Assistent war bisher eher ein Stubenhocker als ein Außendienstmitarbeiter. "Es ist das erste Mal, dass so ein Minicomputer für Open-Air-Führungen eingesetzt wird", erklärt Fries. 120000 Euro hat das Projekt gekostet, finanziert vorwiegend durch Spenden verschiedener Institutionen und Firmen, nun stehen 50 Stadtführer bereit, um Besucher auf den richtigen, den Dürer-Pfad zu bringen. Sie sind wortgewandt, effizient, vertragen Regen, Stöße, Technikmuffel, nur mit der Sonne ist es etwas schwierig. "Bei starker Sonne müssen Sie sich mit dem Rücken an eine Wand stellen, damit das Display zu erkennen ist."

Ansonsten ist der Personal Digital Assistent so genügsam wie ein Muli und ausdauernd wie ein Kamel. Ein Klick auf die Weiter-Taste, und er springt zum nächsten Thema. Wenn man einmal nicht zugehört hat, reicht ein Klick auf Zurück, für Pausen gibt es eine Stopptaste. Geduldig lotst der digitale Reiseführer den Besucher an allen Dürer-Stationen in Nürnberg vorbei, durch Dürer-Wohnung und Dürer-Werkstatt, zum Dürer-Denkmal von 1840, dem ersten Künstlerdenkmal in Deutschland. Hinein in die Kirche Sankt Sebald, wo Dürer getauft und getraut wurde und für die er mehrere Glasfenster und ein Gedächtnisbild, das Tucher-Epitaph, entworfen hat. Am Eingang stellt sich eine Dame in den Weg: "Kameras sind hier verboten." Kamera! "Dies ist ein innovatives audiovisuelles Gerät, um auf den Spuren des großen Albrecht Dürer zu wandeln." Die Dame schweigt. Zugegeben, man kommt sich schon ein wenig merkwürdig vor, mit diesem Gerät, das man vor sich herträgt wie ein Kantinentablett, Kopfhörer auf den Ohren und die Augen rotierend wie bei einem Tennisspiel, nur eben von oben nach unten.

Ohne zu ermüden, spult der elektronische Schlauberger sein Wissen ab: "Wir begeben uns nun nach Westen zum Rathaus", "Auf der Maxbrücke stehend, lässt sich Dürers Aquarell noch immer nachvollziehen", und: "Zu Dürers Zeit ist Nürnberg eine der größten und wichtigsten Städte Europas." Man erfährt etwas über Dürers Lehrjahre in Italien, sein Leben und Schaffen in Nürnberg, über die Stadt natürlich, aber auch über die Nürnberger Humanisten, zu denen Dürer gehörte. Gleichzeitig eingeblendete Navigationsfotos von Gebäuden sowie Hinweispfeile und Straßenkarten sollen die "narrensichere Orientierung" gewährleisten. Tatsächlich hat man kaum eine Chance, sich zu verlaufen. Wenn man denn im Rücken eine Wand hat, wegen der Sonne.

So führt einen der Weg zum Rathaus, am Waaghaus vorbei, einer Art Rotary-Club des 15. Jahrhunderts, wo Dürer sich mit Gelehrten und Patriziern traf, wie der PDA erzählt, vorbei am Freundschaftsbrunnen, der zum 350. Geburtstag Dürers auf dem Maxplatz aufgestellt wurde. Auf der nahen Maxbrücke sieht man Dürers Motive – das Hallertor mit der Stadtmauer, den Schlayerturm und die vorbeifließende Pegnitz – auf dem Display und in echt vor sich. So genau war Dürers Aquarell, dass der Schlayerturm nach seiner Zerstörung im Zweiten Weltkrieg mit seiner Hilfe rekonstruiert wurde. Endpunkt der Führung ist das Germanische Nationalmuseum, wo sieben der Dürer-Werke hängen, unter anderem die Beweinung Christi, die Kaiserbilder und das Porträt der Mutter Barbara. Dort wird es Zeit, sich von dem kompetenten Stadtführer zu verabschieden. Das Schöne daran: Er verlangt noch nicht einmal Trinkgeld.