Nicht der eigene Name soll genannt werden, nicht die Firmen, in denen sie arbeiten. Ganz ruhig sitzen sie da, die beiden Solidarnosc-Männer, die in das Büro in der Warschauer City gekommen sind. Punkt für Punkt gehen sie durch. Die Entlassungsdrohungen. Die geöffneten Briefe. Die Bestechlichkeit der Aufsichtsbeamten. Die unbezahlten Überstunden, die Arbeit ohne Pause, ohne Erholungszeit.

Zwei polnische Gewerkschafter berichten über den Alltag in zwei polnischen Betrieben. Nicht irgendwelche Betriebe, sondern die Tochtergesellschaften namhafter US-Konzerne, von polnischen Managern geführt. Schon seit Jahren arbeiten die beiden Gewerkschafter dort, versuchen die Kollegen zu bewegen, zur Solidarnosc zu kommen. 162 von 1.300 Beschäftigen hat der eine überredet, etwa 100 von 1.000 der andere. Die Mitgliederlisten veröffentlichen sie nicht. Aus Angst vor Entlassung.

Sie erzählen das ganz ruhig, so sei das eben in polnischen Betrieben, sagen sie – sicher nicht in allen, aber in vielen. So ist das auch in anderen Staaten Osteuropas, zumindest in den meisten. Osteuropa ist keine gewerkschaftsfreie Zone, aber eine ziemlich gewerkschaftsarme. In vieler Hinsicht und in großen Teilen ist Osteuropa ein Unternehmerparadies.

Bei einer Kundgebung vor der Fabrik, sagt einer der Solidarnosc-Männer, habe das Management fotografiert; Briefe an die Gewerkschaftszentrale, in denen er über seine Arbeit berichtete, seien geöffnet worden. Die Organisation von Streiks "ist unmöglich", sagt der andere. Staatliche Arbeitsschutz-Kontrolleure seien mit Gefälligkeitsaufträgen bestochen worden, und vor dem Weihnachtsgeschäft des vergangenen Jahres habe man drei Wochen am Stück gearbeitet, sieben Tage in der Woche. Ohne Zuschläge natürlich.

In den acht neuen EU-Staaten Osteuropas ist der durchschnittliche Monatslohn deutlich niedriger als im Rest der Union – 2003 lag er gerade mal bei etwas mehr als einem Viertel des Durchschnitts der 15 alten EU-Nationen. In der Slowakei verdiente ein Arbeitnehmer 370, in Polen 540 Euro; im Durchschnitt der alten EU betrugen die Monatslöhne 1.880 Euro. Das, unter anderem, macht den Osten für westliche Firmen attraktiv, die zwischen Baltikum und Balkan Zehntausende Jobs geschaffen haben. Attraktiv ist Osteuropa auch wegen seiner neuen Absatzmärkte. Und: Die Steuern sind niedrig.

In den alten EU-Staaten, jedenfalls bei denen, die auf dem Kontinent liegen, gilt auch das westeuropäische Sozialmodell. Gewachsen ist es nach dem Zweiten Weltkrieg, an ihm mitgezimmert haben starke Gewerkschaften, einflussreiche Arbeitgeberverbände und der Staat. Stetig steigende Realeinkommen und partnerschaftliche Arbeitsbeziehungen, in denen Gewerkschaften und Verbände, Management und Belegschaften meist im Dialog versuchten, Probleme zu lösen, waren zwei seiner wichtigsten Säulen – bis zum Beginn der neunziger Jahre. Dann kam nicht nur die Globalisierung. Dann öffnete sich auch Osteuropa.

Heute ist die Frage, ob das westeuropäische Modell überhaupt noch überlebensfähig ist. Ob sich der Osten auf den Westen zu bewegt – oder aber der Westen weiter auf den Osten: bei den Steuern, bei den Löhnen, bei den Arbeitsbedingungen und bei den Beziehungen zwischen den Sozialpartnern.