Wirtschaftsgigant, Supermacht, Reich der Zukunft! In die Superlativnation China investiert die Welt mehr Kapital als in irgendein anderes Land. Schön wäre es, man wüsste, dass die Volksrepublik rational regiert würde. Doch wenn in Peking um die Macht gestritten wird, dann geht es auch heute noch so zu wie vor hundert Jahren hinterm Drachenthron der Kaiserinwitwe Cixi.

Ende dieses Monats tagt in Peking das Plenum des Zentralkomitees. Niemand kennt den genauen Termin oder gar die Tagesordnung: alles hochgeheim! Doch durch die karmesinroten Mauern von Pekings Machtzentrale Zhongnanhai dringt ein Tuscheln und Zischeln. Und manchmal auch lauter Krach. Es geht darum, wer künftig in China die Gewehre kommandiert. Hu Jintao, ein Reformer, ist zwar seit 2002 Partei- und Staatschef - doch sein Vorgänger Jiang Zemin, Kader alten Typs, hat bisher am Vorsitz der Militärkommission festgehalten. Und ist sich offenbar nicht schlüssig, ob er auf dem ZK-Plenum, wie erwartet, Hu Jintao nun endlich auch den Oberbefehl über die Armee überlassen soll.

Wer dies herausfinden will, muss Zeichen lesen können. Warum etwa drucken Chinas Zeitungen just dieser Tage eine Kalligrafie ab, die Jiang vor vierzehn Jahren den Truppen in Tibet widmete? Hu war damals Parteichef in Tibet, Jiang sein Chef in der Hauptstadt. Will er es etwa bleiben? Warum preist Hu den Reformer Deng Xiaoping zu dessen 100. Geburtstag dafür, dass er seine Ämter rechtzeitig aufgegeben habe? Und warum wurde auf einem Foto, auf dem Hu und Deng sich die Hände schütteln, der zwischen beiden stehende Jiang wegretuschiert?

Geheimnisvolles China. Gut, wenn die Welt dort investiert. Besser noch, sie weiß: Es ist eine Anlage in Risikokapital.