Gerhard Schröder erstaunt am meisten, wenn er leise spricht. Die frisierten tschetschenischen Wahlen vor dem Geiseldrama in Beslan? Der Kanzler konnte "eine empfindliche Störung" der Abstimmung nicht entdecken. Das Desaster der russischen Sicherheitskräfte in der Schule? Schröder will "keine Ratschläge" erteilen. Andere deutsche Politiker, auch der Bundespräsident, äußern über Tschetschenien das, was Schröder hörbar nicht sagt: Eine politische Lösung, welche die Anliegen der Tschetschenen ernst nimmt, ist überfällig.

Aus Schröders Einsilbigkeit spricht kein Desinteresse. Russland ist für ihn Herzenssache. Zu wichtig für lockere Schröder-Sprüche vor Journalisten, zu groß für kleine Sticheleien, zu erhaben für einen Gang in die Sauna, wie ihn noch Helmut Kohl für angemessen hielt. Man sieht es an den Orten, die Gerhard Schröder und Wladimir Putin für ihre Zusammenkünfte wählen: die Christi-Erlöserkathedrale in Moskau zu Weihnachten, das in feudales Rot getauchte Kollegiengebäude der Universität von St. Petersburg. Es gibt laute Töne, die willkommen sind. Zu Kanzlers Geburtstag fiel ein Kosakenchor ins Schrödersche Endreihenhaus zu Hannover ein. Nur Hamburg hört einen Misston. Putin hat den geplanten Gipfel wegen der Staatskrise um das Geiseldrama abgesagt, die vierte Begegnung des deutsch-russischen Petersburger Dialogs läuft ohne ihn. Doch Gerhard Schröder wird er schon bald wiedersehen.

Der Kanzler genießt Unabhängigkeit wie keiner seiner Vorgänger seit 1949

Woher die Nähe zwischen dem deutschen Kanzler und dem russischen Präsidenten? Vorweg sei gesagt: Es ist eine Freundschaft aus freien Stücken. Unter Schröder genießt Deutschland eine Unabhängigkeit von Russland, die für alle Bundeskanzler vor ihm wie eine Utopie erschien. Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt und der frühe Helmut Kohl konnten einer Wirklichkeit nicht ausweichen: Russische Truppen standen an der Elbe und rund um Berlin.

Sie waren das Symbol der schwierigen deutsch-russischen Sonderbeziehung im 20. Jahrhundert. Erst ein Krieg, der in beiden Ländern den Imperator stürzte, dann heimliche Kollaboration in der Weimarer Republik, der Pakt der Diktatoren Hitler und Stalin, der deutsche Überfall, Vernichtung, wie die Geschichte sie nicht gekannt hatte, schließlich ein geteiltes Deutschland. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 stand die Westgruppe ihrer Streitkräfte wie ein gestrandetes Schiff ohne Funkkontakt in Deutschland. Helmut Kohl offerierte Moskau Dutzende Milliarden als Rückreisepauschale, die in Russland einige wenige glücklich machten, auf jeden Fall aber schnell verprasst waren. Doch für Berlin war der Abzug Ost eine der wichtigsten Investitionen der Wiedervereinigung. Kanzler Schröder stand Russland von Beginn an ungezwungen und gleichberechtigt gegenüber und konnte als erste Parole ausgeben: Nie wieder Sauna!

Sechs Jahre danach ist Schröder für Putin der wichtigste Partner unter den Staats- und Regierungschefs im Westen. Umgekehrt hat der deutsche Kanzler zu keinem seiner westlichen Kollegen ein so erprobtes Vertrauensverhältnis wie zu Putin. Man spricht deutsch miteinander. Putins Töchter besuchten die deutsche Schule in Moskau. Die Schröders haben ein Mädchen aus Russland adoptiert. Aber es würde dem Kanzler nicht gerecht, würde man sein Verhältnis zu Russland aufs Persönliche reduzieren. Auf Kritik an seiner Russlandpolitik hat er im kleinen Kreis einmal erwidert: "Ich lasse mir diese Erfolgsgeschichte nicht kaputtmachen!"

Diese Geschichte ist dem großen Teil der deutschen Öffentlichkeit bisher entgangen. Vorhang auf: Worin liegt der Erfolg der Beziehungen zu Russland, welches sind die wichtigen Themen, was hat Schröder in den vergangenen Jahren erreicht?

Sotschi, die sowjetisch opulente Sommerresidenz des Präsidenten am Schwarzen Meer, liegt fast in Hörweite der kaukasischen und vorderasiatischen Konflikte. Dort trafen sich Schröder, Putin und der französische Staatschef Jacques Chirac vor zehn Tagen. Sie sprachen über ein Land an Russlands Südgrenze, das Europa und den USA Kopfzerbrechen bereitet: Iran. Teheran bastelt eifrig an einem Nuklearprogramm, das auch wohlwollenden Betrachtern den Verdacht aufzwingt, es solle dereinst die Bombe hervorbringen. Russische Firmen liefern den Baukasten für einen Reaktor, der dabei helfen könnte. Das Beste wäre, Russland würde die Lieferungen einfach stoppen. Das aber lehnt die russische Industrie ab, das will Putin nicht. Sie verlassen sich lieber auf iranische Garantien. Darüber sprachen die Freunde in Sotschi. Mit Erfolg? Abwarten.