Moskau

Vor dem Kulturpalast im nordossetischen Beslan warteten die Menschen am vergangenen Freitag wütend auf eine Botschaft aus Moskau. Doch Präsident Wladimir Putin hatte ihnen nichts zu sagen. Angehörige der Geiseln beschimpften Journalisten, nachdem das russische Fernsehen der Anweisung gefolgt war, nur von 354 Geiseln zu sprechen. Die Lüge empörte die Menschen, da die Regierung das Leben ihrer Angehörigen nicht einmal einer Ziffer wert befand. Sie selbst zählten 1136 Geiseln. Am Tag zuvor hatte Putin kurz sein Schweigen gebrochen und dem jordanischen König in Moskau mitgeteilt, die Befreiung der Geiseln sei oberstes Ziel. Das Volk durfte im Fernsehen mithören und schöpfte Hoffnung. Doch kurz nach 13 Uhr gab es eine Explosion, deren Schockwellen der knapp 1900 Kilometer entfernte Kreml bis heute spürt.

Vermutlich ist eine der Bomben im Inneren der Sporthalle detoniert. Draußen wollen gerade vier Katastrophenschützer Leichen auf dem Schulhof bergen. Die Fenster fliegen aus dem Rahmen, eine Bresche in der Mauer bricht auf. Der Knall reißt die Geiseln aus der Trance. Mütter werfen ihre Kinder ins Freie. Die Terroristen vermuten einen Sturmangriff und schießen auf die Katastrophenschützer. Der Einsatzstab vereinbart am Telefon mit den Terroristen eine Feuerpause. Doch die ossetischen Freiwilligenkämpfer rund um die Schule, die ihre Flinten und Maschinengewehre aus dem Keller geholt haben, wollen persönlich mit den Geiselnehmern kurzen Prozess machen. Sie schießen weiter.

Die russischen Spezialeinheiten Alfa und Wympel müssen erst mobilisiert werden. Sie hatten das Gebäude noch nicht in Sektoren aufgeteilt und das gemeinsame Vorgehen nicht abgesprochen. Es gibt keinen Handlungsplan für den Notfall, keinen Sicherheitskordon um die Schule. Die Schießerei eskaliert zum Häuserkampf inmitten von Kindern und Müttern. Die Minenräumer haben nicht mal ihre kugelsicheren Westen dabei. "Nicht schießen, hier sind Kinder!", schreien einige Geiseln. Doch die Terroristen feuern auf die Fliehenden. Es herrscht Chaos.

Zwischen den Kindern liegen Stolperdrähte als Bombenzünder

"Hier wohnen Menschen" stand jahrelang auf die Haustore in Tschetscheniens Hauptstadt Grosnyj geschrieben. Die Toraufschriften haben nicht viel geholfen im zweiten Tschetschenienkrieg, der Putins Aufstieg zum Präsidenten Russlands ebnete. Sein Ziel, den Nordrand des Kaukasus zu befrieden, endete im Versuch, Grausamkeit mit Erbarmungslosigkeit zu bekämpfen. Beslan und Grosnyj formen mit Moskau die Eckpunkte eines Dreiecks der Gewalt, die sich mit einer undenkbaren Verachtung des menschlichen Lebens über den ganzen Kaukasus verbreitet. Der Präsident fällt auf dem Höhepunkt seiner Macht in eine tiefe Krise, die ihn sogar zwingt, seinen lang geplanten Deutschlandbesuch kurzfristig abzusagen. Die Stärke, die Putin in fünf Jahren autoritär erzwungen hat, wird nun zur Schwäche.

Herausgefordert haben Russlands Präsidenten etwa 30 schwer bewaffnete Kämpfer, die am Morgen des 1. September mit einem Lastwagen auf Nebenstrecken unkontrolliert bis nach Beslan fuhren. Als gegen neun Uhr morgens auf dem Hof der Mittelschule Nr. 1 das feierliche Ritual für die Erstklässler begann, trieben die Terroristen die Schüler, Lehrer und Eltern mit Schüssen ins Schulgebäude. Unter den Bodenplanken der Sporthalle hatten sie während Bauarbeiten im Sommer Sprengstoff und Munition versteckt.

Die 12-jährige Dseraissa Dsestelowa stellte sich im Sportsaal zu ihrer Freundin Salina, der Enkelin der Schuldirektorin. Trotz der eingeschlagenen Oberlichter wurde es immer stickiger. Dseraissa zog bald ihr dunkelblaues Schulkostüm und die Strumpfhosen aus. Zwischen Gruppen von Kindern waren Stolperdrähte gespannt als Auslöser der Sprengsätze. "In der Mitte hing eine Bombe am Seil, eine Plastikflasche, die mit braunem Klebeband umwickelt war", erzählt das schlanke, bleiche Mädchen. "Sie hing so tief, dass wir mit unseren Köpfen aufpassen mussten." In den Basketballkörben lagen weitere Sprengsätze.