Ulrich Junghanns ist nicht zu beneiden. Unermüdlich tourt der brandenburgische Wirtschaftsminister durchs Land und trommelt für die CDU. Am 19. September wird ein neuer Landtag gewählt, doch im Wahlkampf wollen die Leute vor allem eines wissen: "Wie kommen wir zu Arbeitsplätzen?" Junghanns tut sich schwer mit einer Antwort, versucht zu erklären, dass nicht der Staat die Jobs schaffe, sondern die Wirtschaft. Behutsam verweist er auf "Kräfte im Land, die langsam, aber stabil wachsen". Mit greifbaren Erfolgen tut er sich schwer. Er ist noch keine zwei Jahre im Amt und hat von seinen Vorgängern vor allem Probleme geerbt.

Auch in Sachsen wird am übernächsten Sonntag gewählt, doch dort macht sich Kajo Schommer ein Vergnügen daraus, die Erfolge des Freistaats zu schildern. Der CDU-Politiker war von 1990 bis 2002 Wirtschaftsminister in Dresden, und eines muss man ihm lassen: Heute ist Sachsens Wirtschaft ostdeutsche Spitze. Der Freistaat hat die stärkste Industrie unter den Bundesländern Ost, die beste Exportquote, die höchsten Durchschnittseinkommen. Und die mit Abstand niedrigsten Schulden je Einwohner – selbst im Westen ist nur Bayern besser.

Brandenburg und Sachsen sind zwei ungleiche Gesichter des neuen deutschen Ostens. Voller Zuversicht das eine, von Enttäuschung und banger Hoffnung geprägt das andere. Ihre unterschiedliche Entwicklung ist ein Lehrstück über den Aufbau Ost: über den guten und schlechten Umgang mit Geld, über solide und fahrlässige Investitionsentscheidungen, über Sachverstand und Größenwahn. Und über Politiker, die in schwierigen Zeiten ihre Chance zu nutzen wussten – oder nicht.

"Etwas verändern? Ich wüsste eigentlich nicht was"

Für Kajo Schommer, den Mann aus der Eifel, der via Schleswig-Holstein nach Dresden kam, ist Sachsens Spitzenposition das Ergebnis konsequenter Politik, seiner Politik. Was er heute anders machen würde? "Ich wüsste eigentlich nicht, was." In Brandenburg würde so viel Selbstsicherheit abstoßen. "Eher schlechte Werte" bescheinigte das Institut für Wirtschaftsforschung Halle dem Land – ostdeutsches Mittelfeld. Nun muss der gelernte Pferdewirt, studierte Staatswissenschaftler und zwischenzeitliche Unternehmer Junghanns gegen den Ruf kämpfen, Brandenburg sei ein Verlierer.

Immerhin: Brandenburg hat die höchste Selbstständigenquote und die beste Arbeitsproduktivität in Ostdeutschland, sechs neue Unis sind seit der Wende entstanden. Aus Brandenburg kommt ein Viertel des in Deutschland produzierten Biodiesels – "da sind wir richtig dicke da", sagt der Minister. Und anders als sonst im Osten schrumpft die Bevölkerung nicht – allerdings auch nur, weil viele Berliner ins Umland ziehen.

Den sächsischen Erfolg führt Michael Berlemann von der Dresdner Niederlassung des ifo Instituts auf eine "Kombination aus guter Politik und vorausschauenden Politikern" zurück. Mit Kurt Biedenkopf trat nach der Wende ein ökonomisch versierter Politprofi an, der Vertrauen schaffte. An seiner Seite stand mit Schommer ein "Aquisiteur auf jedem Parkett", wie ihn der CDU-Landtagsabgeordnete und Bankmanager Wilhelm von Carlowitz charakterisiert. Dritter im Bunde ist der heutige Ministerpräsident Georg Milbradt, der als Finanzminister den Aufbau Sachsen solide finanzierte.

In Brandenburg stellte Manfred Stolpe nach der Wende die Weichen. Für den Kirchenjuristen erschöpfte sich Wirtschaftspolitik weitgehend in staatlichen Wohltaten. Möglichst spektakulär sollten die unterstützten Projekte sein, Wirtschaftlichkeit war zweitrangig. Die Wirtschafts- und Finanzminister blieben allesamt Randfiguren im System Stolpe.