Aus beruflichen Gründen verbrachte ich letztes Jahr zwei anstrengende Tage in London, die mit zahlreichen Terminen angefüllt und recht hektisch verlaufen waren. Kurz vor Abflug wollte ich noch in eine Buchhandlung, um unserem Haushalt eines der todschicken englischen Kochbücher mitzubringen, deren Rezepte so leicht nachzukochen sind.

Natürlich blieb es nicht bei den Kochbüchern, ich fand in aller Eile noch ein Werk über folgenreiche Zufälle der Weltgeschichte, das Debüt einer jungen Autorin aus Schottland und die Geständnisse eines erfolgreichen Juwelendiebs.

Während des Wartens an der Kasse fiel mein Blick auf ein schönes, in einem Stapel ausgestelltes Büchlein, offenbar ein Beststeller. Da es auf feine Weise gebunden war, nahm ich es zur Hand. Es war kein geschlossener Text, sondern schien sich um einzelne, kleinere Artikel zu handeln, eine Art Wörter- oder Handbuch, auch wenn es unmöglich war zu sagen, um welches Thema es ging oder wozu es gut war. Es war auf jeden Fall sehr britisch, so ähnlich wie eingelegte Wachteleier, die man bei Harrods kauft. Es ist wunderbar, sich so etwas zu leisten, aber niemand erwartet, dass man das Glas tatsächlich jemals öffnet.

Ich konnte dann doch nicht widerstehen und fing an zu lesen. Das Erste, was ich fand, war die ganz und gar surreale Liste merkwürdige Tode einiger burmesischer Könige - bei denen Elefanten eine fast schon lächerliche Rolle spielen. Dann überflog ich Kombinationen & Wahrscheinlichkeiten beim Pokern, Elizabeth Taylors Ehemänner, um dann irgendwann - da waren wir schon längst in der Luft - bei der genauen Beschreibung der Flagge von Kiribati hängen zu bleiben. Ganz eindeutig handelte es sich bei Schott's Original Miscellanys um das sehr eigenartige Produkt eines ungewöhnlichen Geistes. Es ist ein Buch, das einem plötzlich unter den Fingern aufblüht, als stamme es aus einer Potterschen Zauberbibliothek oder der Fantasie eine Jorge Luis Borges. Das Sammelsurium, so heißt die deutsche Ausgabe, offenbart einen so unwahrscheinlichen Reichtum, dass Menschen, die besonders interessante Stellen mit Zetteln markieren, nach einer Weile so viele Zettel wie Seiten benötigen werden - bei mir liegen auf mancher Seite schon mehrere.

Es liest sich alles so leicht, als wären diese Listen seit Generationen weitergegeben und von allem Überflüssigen befreit worden - diese klassische Schlankheit gibt ihnen wiederum eine wissenschaftlich anmutende Autorität.

Die wimmelnde Menge des Kuriosen erscheint übersichtlich, nachvollziehbar, offenbart immer etwas Lehrreiches. Gerade weil es eine Sammlung von lauter verstreuten Nebensächlichkeiten ist, findet der zerstreut von Artikel zu Artikel springende Leser zu Ruhe und Konzentration zurück.

Während ich nun in den nächsten Monaten Merkzettel zwischen den Seiten von Schott's Original Miscellanys verstreute, ereignete sich auf der Insel so etwas wie eine Schottsche Zellteilung: Nach dem großen Erfolg des ersten erschien nun ein zweiter Band über Essen und Trinken, der ebenso erfolgreich war. Ein drittes Buch über Sport ist auf dem Weg, zugleich stehen die ersten französischen und deutschen Versionen vor der Tür. Als Autor kam Ben Schott 2002 aus dem Nichts - scheint aber Einfälle für beliebig viele Bücher zu haben. Wie ist das möglich? Wie arbeitet er? Wie lange hat er diesen Coup geplant?