Kein Kulturereignis ist größer, keines lockt mehr Neugierige als der Tag des offenen Denkmals. Vier Millionen Menschen kamen beim letzten Mal - und eine ähnlich gewaltige Vergangenheitsbewegung wird auch fürs kommende Wochenende erwartet, wenn bundesweit 6700 Denkmale zur Besichtigung laden. Nicht Burgen und Schlösser werden dann gestürmt, nicht die Stätten des Glanzes und der Pracht, sondern das ganz Gewöhnliche ist plötzlich Ort der Erinnerung, der Wasserturm, das Schwimmbad, der Hafenspeicher. Entdeckt wird jene Geschichte, die im Alltäglichen aufgehoben ist - und die nur allzu oft dem Abriss anheim fällt. Vor allem seit die Bundeskulturstaatsministerin Weiss das Hilfsprogramm Dach und Fach im vorigen Jahr gestrichen hat, ist es mit dem Denkmalschutz im Kleinen vielerorts vorbei. Es waren nur wenige Millionen jährlich, aber da Land und Gemeinden je ein Drittel dazugaben, reichte es für viele Dorfkirchen und Industriedenkmale, die nun unweigerlich verfallen.

Derweil gibt Frau Weiss ihre Millionen, zynischerweise, für das neue Alte aus, für die Frauenkirche in Dresden. Sie fördert Glanz und Pracht und ignoriert die Zeugnisse im Tagtäglichen - eine wahrlich sozialdemokratische Erinnerungspolitik. Millionen gehen an diesem Wochenende auf die Straße und in die Denkmäler. Es ist auch eine Demonstration - für den Erhalt einer Geschichte im Nebenan.