Innerhalb der Institutionen, erklärte Jean-Paul Sartre dem jungen deutschen Journalisten, könne man nicht zu einer wertvollen, menschlichen Gesellschaft kommen. Das gelinge nur in der Aktion jedes Einzelnen. Man muss versuchen, so schilderte er dem Gast Rupert Neudeck seine Lebenshaltung, für sich selbst und für die anderen zu leben.

Noch auf dem Rückweg von Paris nach Troisdorf, nahe Köln, schrieb Neudeck einen Brief an Heinrich Böll, zu Hause wandte er sich auch an Franz Alt - jeweils mit der Frage und Bitte, ob man nicht dem französischen Beispiel folgen und ein Schiff chartern könne, um Bootsflüchtlinge vor Vietnam vor dem Ertrinken zu retten. Es wurde die Erfolgsgeschichte der Cap Anamur daraus, mit Christel und Rupert Neudeck an der Spitze. Niemand hat damals gefragt, ob die Flüchtlinge vielleicht eingeladen worden seien, sich in Seenot zu begeben, um Zutritt zu einem gemütlichen Hafen irgendwo in der reichen Welt zu ergattern. Die einen waren in Not. Und die anderen wollten nicht warten auf die Institutionen.

Berlin ist nicht Troisdorf. Aber die Aktions-Idee strahlt offenbar immer noch auf andere aus. Heidemarie Wieczorek-Zeul und Angela Merkel jedenfalls haben zum 25-jährigen Jubiläum des Schiffes für Vietnam in Troisdorf mit 3000 (von insgesamt über 10 000!) geretteten Boat-People gefeiert - und dann haben sie sich gemeinsam eine Aktion überlegt. In einer interfraktionellen Initiative wollen sie die Bundestagsabgeordneten unverzüglich dazu aufrufen, in ihren Wahlkreisen um Spenden und Unterstützung zu werben. Die Idee ist, mit Hilfe der Grünhelme - einer Initiative Neudecks, die er nach seinem Ausscheiden bei Cap Anamur ins Leben rief - Schulen in Afghanistan zu bauen.

Eine Schule für 800 bis 1000 afghanische Schüler, hat Neudeck ihnen vorgerechnet, kostet 45 000 Euro. Und nun träumt er bereits: Wenn alle Abgeordneten sich darauf einließen, könnten bis Ende nächsten Jahres 603 Schulen entstehen.

Schöne Idee. Nicht nur, weil sie überparteilich ist. Schön an der Sache ist vor allem, welche Gewichte sie setzt und dass sie spontan, also unbürokratisch entstanden ist. Festgehalten zu werden, verdient aber auch, dass die Süd-Ministerin Wieczorek-Zeul und die CDU-Parteivorsitzende ihre Berliner Wichtigkeiten aus Anlass des Jubiläums einmal beiseite schoben. Seit der umstrittenen Aktion im Juli, bei der ein Schiff afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer aufgriff, sieht Cap Anamur sich in der Defensive. Alles Inszenierung, hieß es, weder seien die Flüchtlinge aus dem Sudan gekommen, noch seien sie überhaupt in Not gewesen. Das Schiff, die Cap Anamur, ist seitdem von Italiens Behörden beschlagnahmt. Heidemarie Wieczorek-Zeul plädierte dafür, darüber den Kern des Problems nicht zu vergessen:

Hunger und Durst, Armut und Aids haben in Afrika längst die Qualität von Massenvernichtungswaffen erreicht - wer unter uns dürfte sich da zum Richter über jene aufschwingen, die flüchten? Ihre Aktion, bilanzierte Angela Merkel, hat unsere Welt und unser Land menschlicher gemacht.

Auf die Gutmenschen - schon das Wort ist denunziatorisch - zeigt sich leicht mit dem Finger. Was läuft bei den Humanitären nicht alles falsch - fast so viel wie in den Bürokratien, in der Politik und in den Medien, die im Trockenen sitzen und die anderen gern machen lassen. Um was geht es wirklich?