"Damals, zu Zeiten der Seidenkarawanen, würden die Menschen dies wohl als ein Wunder bezeichnet haben: einen gläsernen Palast, der plötzlich inmitten der braunen, ausgedörrten Steppe aufsteigt … Wie in einer verglasten Biosphäre auf dem Mars kämpfen hier die besten Köpfe der Welt in kühlem, frischem Ambiente auf weichen Teppichen bei großem Komfort um Diamantkronen, während die 300 000 Einwohner Kalmückiens überall sonst im Land in bitterster Armut leben."

So beginnt ein Artikel in der Herald Tribune über die vorige Damen-Schach-WM. Der Palast wurde von Kirsan Iljumschinow errichtet, dem Präsidenten Kalmückiens (im Nordkaukasus gelegen) und des Weltschachbunds Fide in Personalunion, um der Welt-Schach-Elite eine Heimstatt zu geben.

Während die einen Iljumschinow verehren und hochleben lassen, rümpfen die anderen über seine "auf schmutzige Weise" erworbenen Millionen die Nase. Doch wie die Welt so ist, die meisten nehmen sein Geld gern. Wie sagte der Hobbyschachspieler Bert Brecht? "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." Die Schachwelt jedenfalls versinkt trotz Iljumschinows Millionen in einem immer größer werdenden Chaos, konkurrierende Weltmeisterschaften à la Boxen werden ausgespielt, zart aufscheinende Lösungsansätze und Wiedervereinigungsbestrebungen zerschellen an den unterschiedlichen Geld- und Machtinteressen.

Bei der WM in Kalmückien wurde die Bulgarin Antoaneta Stefanowa neue Weltmeisterin. Ihre Vorgängerinnen, die Ungarin (und jetzige US-Bürgerin) Zsuzsa Polgar sowie die Chinesinnen Xie Jun und Zhu Chen haben ihren Titel wegen Mutterfreuden nicht verteidigt.

Da fragt sich nun manch einer, ob WM-Titel Frauen zu Müttern machen und ob auch Stefanowa bald ihren Nachwuchs in die Anfänge der Sizilianischen Verteidigung einweiht. Das macht längst die ehedem armenische, jetzt deutsche Spitzenspielerin Ketino Kachiani-Gersinska mit ihren beiden Kindern. Bei der WM scheiterte sie im Viertelfinale, und schon vorher musste sie gegen Nguyen Thi Thanh An einen heiklen Moment überstehen.

Die Vietnamesin als Weiße droht bei großem materiellem Übergewicht einfach Lf3 matt. Sehen Sie, wie Kachiani-Gersinska mit einem geschickten Einfall ihren Kopf noch aus der Schlinge zog und dank einer nicht optimalen Antwort ihrer Gegnerin sogar noch ein Remis erreichte? Helmut Pfleger

Auflösung aus Nr. 37:
Mit welcher (Opfer-)Kombination errang Weiß am Zug entscheidenden Vorteil? Nach dem Bauernopfer 1.d5! mit Angriff gegen den Läufer war Schwarz verloren. 1…Lxd5 scheitert natürlich an 2.Txc7, deshalb entschied sich Schwarz für das Schlagen mit dem König: 1…Kxd5. Aber nun setzte 2.Td2+ Ke6 3.Te3+ Kf6 4.Td6 matt. Übrigens hätte das Verzweiflungsopfer 1…g5+ wegen 2.hxg5 hxg5 3.Kxg5 nichts geändert