Freunde des deutschen Theaters: Auf ins Offene, die neue Saison beginnt! Jedoch, leider fürchtet sich das deutsche Theater vor dem Offenen. Es produziert immer weniger neue Stücke. Dafür adaptiert es immer mehr Romane und Drehbücher. Es gefällt sich als Einsiedlerkrebs. Es kriecht ins Vorgefundene.

Die Theaterleute selbst sehen das anders: Ihre Spielpläne empfinden sie als "Abenteuer" und "Aufbrüche". Sie fahren in Großromane und Kultfilme ein wie in Bergwerke.

Der Regisseur Frank Castorf fährt voran; er hat vom Schauspiel längst Abschied genommen. Dramen, sagt er, seien "Einbahnstraßen" und "unsexy". Komplexe Erzählwerke dagegen lösen in ihm "etwas Religiöses" aus. Geduckt schließt sich die Theaterszene ihrem Leitmystiker an. In den Spielplänen der Saison 2004/05 wimmelt es von Roman- und Filmstoffen. Die Schauspieler werden in den Steppenwolf und in den Zauberberg kriechen und das Castorf-Gefühl suchen.

"Der Ideenhimmel ist verbraucht", schrieb Heiner Müller. "Es gibt nur noch Märkte, und dadurch geschieht eine ungeheure Leere. Die Frage ist, ob die Menschen das aushalten." Sie halten es nicht aus, Theatermenschen schon gar nicht. Sie wollen einen neuen Himmel, den Himmel der alles überwölbenden Erzählung. Also brechen sie die eisernen Bestände an, die heiligen Speicher: den Weltroman. Den Kultfilm. Die Bibel. Manchmal verzichtet das Theater auf den Umweg, der über den Film und den Roman führt, dann spielt es gleich Kirche und ruft zum Gebet. Die neue Saison wird spirituell sein, oder sie wird gar nicht sein. In München denken sie über die Zehn Gebote nach, in Berlin findet Bibelarbeit statt, und Hannover fordert: "Bekennen wir, was uns panikt." Gehet auf die Bühne und tuet Buße!

Wenn wir Pech haben, wird dieses Theaterjahr so werden: gebannt von Alters-, Terror- und Armutsangst. Wenn wir Glück haben, wird es ganz anders. Am Berliner Ensemble hat die neue Saison schon begonnen. Und dieser Anfang ist nicht schlecht. Auf der Bühne stehen drei Ausgeburten des Terrors und der Altersangst, aber es ist ein Spaß, ihnen zuzusehen. Ritter Dene Voss heißt das Stück, Thomas Bernhard schrieb es für Ilse Ritter, Kirsten Dene und Gert Voss. 1986 haben die drei es unter Claus Peymanns Regie in Salzburg uraufgeführt und dann mehr als hundertmal in Wien gespielt; jetzt zeigen sie es auf Peymanns Alterssitz, am Berliner Ensemble. Man könnte ihnen vorwerfen, auch sie verkröchen sich – in ihrer gloriosen Vergangenheit. Aber ebendas tun sie nicht. Im Gegenteil, sie stellen sich der eigenen Hinfälligkeit. 18 Jahre nach der Uraufführung kehren sie zurück in Thomas Bernhards Zwangssystem der ewigen Kinder, in eine Orgie ungelebter Sexualität. Und Gert Voss, der 1986 ein straffer Spätjüngling war, glüht in einem warmen Walter-Matthau-Altersgroll.

Vielleicht weist Voss dem kinoversessenen, ins Vorgefertigte verkrochenen Theater hier den Weg: Er ist filmreif, und das Kino ist ihm völlig wurscht. Er lebt sein Bühnenleben nicht auf fremde Rechnung, er hat nur dieses Kapital: den Mut zum armseligen, grandiosen Moment.

PETER KÜMMEL