Borussia Dortmund hatte 0:1 in Stuttgart verloren, und nach dem Spiel gab es vor dem Ausgang des Gottlieb-Daimler-Stadions eine Demonstration der Fans. Manche stimmten Sprechchöre an, in denen der Rauswurf des Trainers gefordert wurde, andere saßen heulend oder einfach nur wortlos vor dem versperrten Gittertor und dem dahinter abfahrbereit stehenden Mannschaftsbus. Sportreporter drückten aufgeregt auf ihren Kameras und Mikros herum, um diesen einmaligen Aufstand mehrerer hundert BVB-Fans aufzuzeichnen. Der Trainer und der Kapitän stellten sich schließlich der Menge und konnten sie nach fast halbstündiger Diskussion so weit beruhigen, dass sie den eingesperrten Bus hinausfahren ließen – in eine, wie sich herausstellte, nicht allzu erfolgreiche Zukunft. Selten sah man so viele bitter enttäuschte Dortmund-Fans, selten verwandelt sich so tiefe Vereins-Liebe in derartige Wut. Wäre nicht die logische Konsequenz, dass die Zuschauer den Stadien künftig fern bleiben und erst wiederkommen, wenn anständig gekämpft, gegrätscht oder gar gespielt wird?

Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Dortmund hatte mit fast 80000 Zuschauern im Durchschnitt pro Heimspiel die größte Fan-Unterstützung in Europa. Jahr für Jahr verabschieden sich die besten Bundesliga-Clubs frühzeitig aus der Champions League oder dem UEFA-Cup. Die Bundesliga, das ist nichts Neues, gehört nicht mehr zur europäischen Spitze. Aber ein Phänomen überrascht trotzdem: Die Zuschauer strömen wie nie zuvor in die Stadien. Während der vergangenen Saison lösten 10724586 Menschen eine Eintrittskarte (mit kostenlosen Ehrenplatzkarten für Exgrößen und treue Mitglieder sind es sogar über 11 Millionen). Bundesliga-Rekord. Im dritten Jahr in Folge steigen nun die Besucherzahlen. Nicht einmal das schlechte Abschneiden der Nationalmannschaft in Portugal scheint diesen Boom aufzuhalten. Die Vereine der Ersten Bundesliga haben vor Saisonbeginn gleich einen neuen Rekord aufgestellt: Sie verkauften mit 337800 Dauerkarten knapp 6000 mehr als vor der vergangenen Spielzeit. Für diese Saision erwartet die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) erstmals mehr als elf Millionen zahlende Zuschauer.

Woran liegt das? Woher diese Leidenschaft, ein Spiel anzuschauen, bei dem, wie Alice Schwarzer es gerne beschreibt, "22 junge Männer wie die Bekloppten einem Ball nachrennen"?

Klar ist seit langem: Es werden nicht mehr nur Stehplätze an blökende Männer mit Bier und Bratwurst in der Hand verkauft, sondern auch beheizte Sitzplätze in VIP-Lounges an Frauen mit Gucci-Handtäschchen und wetterempfindlichen Frisuren. Die Stadien, die für die WM 2006 gebaut worden sind, sind attraktiver als die alten Betonschüsseln mit ihren bröckelnden Außenfassaden. Und seit Gründung der DFL im Jahr 2000 wird das Produkt Bundesliga besser vermarktet. In der Saison 2002/03 betrug der Umsatz der Vereine 1,1 Milliarden Euro. Damit gehört die Liga zu den drei finanzstärksten in Europa. Ihre Stars gehören zur Elite der Prominenten, Ballack einmal live zu sehen, ihm körperlich nahe zu sein macht einen Samstagnachmittag trotz eines hohen Eintrittspreises (durchschnittlich 15 Euro) zum Erlebnis.

"Menschen haben das Bedürfnis, an den Erfolgen anderer teilzuhaben", sagt Professor Bernd Strauß vom Institut für Sportpsychologie der Universität Münster. Fachleute nennen dieses Phänomen basking in reflected glory, sich im Ruhme anderer sonnen, kurz: BIRG. BIRG schlägt sich nicht nur in gestiegenen Besucherzahlen nieder, nach großen Siegen werden auch mehr Fan-Artikel verkauft. Zu BIRG gehört auch das Phänomen, dass Politiker auf der Ehrentribüne auftauchen. Sportpsychologe Strauß unterscheidet hier gern zwischen zwei Arten von Fans. "Leute, die sich nur kurzzeitig im Ruhme anderer sonnen wollen, brechen nach ersten Misserfolgen die Verbindung zur Mannschaft schnell ab." Er nennt sie Fair-Weather-Fans, Leute, die im Gegensatz zu den Die-hard-Fans nur bei schönem Fußball und gutem Wetter ins Stadion gehen. Jedenfalls war das bis vor kurzem so, als es im Stadion noch kalt und ungemütlich und manchmal sogar gefährlich war.

"Früher dachte man, dass zu viel Fußball im Fernsehen die Leute davon abhalten könnte, ins Stadion zu gehen. Genau das Gegenteil ist der Fall", sagt Strauß. Tatsächlich läuft mehr Fußball denn je. Wer will, kann samstags von 15 Uhr an, da beginnt die Premiere-Live-Konferenz, bis tief in die Nacht Bundesliga gucken – bis zur Wiederholung des Aktuellen Sportstudios auf 3sat nach Mitternacht. Die Zuschauerzahlen der Sportschau sind, seit diese vor einem Jahr ran abgelöst hat, um 1,5 Millionen auf 6 Millionen gestiegen. Und wenn es eine deutsche Mannschaft in einem internationalen Wettbewerb mal weit gebracht hat, versammeln sich die Deutschen sofort vor irgendwelchen Großleinwänden.

Sitzen, aufstehen, beten: Im Stadion geht es zu wie in der Kirche