Der Übergang vom Du, Andrea zum Sie, Frau Müller und dann wieder zurück zum Du klappt bei beiden reibungslos. Andrea Nahles, 34, und Hildegard Müller, 37, kennen sich seit fast zehn Jahren, und in dieser Zeit haben sie häufig öffentlich gestritten - per Sie - und gelegentlich Gemeinsamkeiten entdeckt, deshalb das Du.

Nahles war von 1995 bis 1999 Bundesvorsitzende der Jungsozialisten, kam 1998 in den Bundestag und verlor bei der Wahl 2002 ihr Mandat. Nach knapp zwei Jahren im Hauptstadtbüro der IG Metall promoviert die Literaturwissenschaftlerin inzwischen an der Universität Bonn - so die offizielle Version. Tatsächlich dürfte Nahles in den vergangenen Wochen kaum Zeit dafür gehabt haben, denn sie leitet die Projektgruppe Bürgerversicherung des SPD-Vorstands.

Hildegard Müller hat ähnliche Stationen hinter sich: Von 1998 bis 2002 stand sie an der Spitze der Jungen Union, seitdem ist sie im Bundestag. Wie Nahles gehört Müller zum Präsidium ihrer Partei - und sie saß in der Herzog-Kommission der CDU, die im vergangenen Jahr die Einführung einer einkommensunabhängigen Gesundheitsprämie empfahl. Damals hieß die Prämie noch Kopfpauschale.

Die beiden Frauen liegen politisch weit auseinander, aber sie verstehen sich persönlich gut. Sie duzen sich, seit sie in den neunziger Jahren oft zu denselben Diskussionsrunden geladen wurden. Schon damals ging es meistens um Sozialreformen. Nahles machte als Juso-Chefin in der SPD Druck von links, Müller stritt in der Rentenkommission der CDU mit dem damaligen Sozialminister Norbert Blüm und erschreckte ihre Partei mit wirtschaftsliberalen Thesen. Beide passten nicht zur kuscheligen und konsensorientierten Welt der damaligen Sozialpolitik. Für den Wahlkampf des Jahres 2006, in dem der Streit um die Gesundheitsreform ein zentrales Thema sein soll, haben beide das passende Naturell. An der Spitze der Jusos und der Jungen Union lernt man, auszuteilen und einzustecken. Man wird die Frauen noch öfter beim Streiten, Duzen und Reformieren beobachten können.