DIE ZEIT: Beide Volksparteien haben radikale Reformen für das Gesundheitswesen angekündigt. Jetzt liegen Modelle für die Bürgerversicherung der SPD und die Gesundheitsprämie der CDU vor, und schon bröckelt die Unterstützung im jeweils eigenen Lager. Haben sich CDU und SPD zu viel vorgenommen?

Andrea Nahles: Die SPD hat gerade in ihren Parteigremien unser Modell der Bürgerversicherung beschlossen, in den kommenden Wahlkämpfen der Partei wird es eine große Rolle spielen. Ich bin über die Zustimmung sehr froh.

ZEIT: Irritiert es Sie nicht, dass der Bundeskanzler sich zurückhaltend geäußert hat und auch andere Mitglieder des Kabinetts skeptisch sind?

Nahles: Ich habe ausführlich mit dem Bundeskanzler geredet und kann diesen Eindruck nicht bestätigen. Die CDU will das solidarische Gesundheitssystem abschaffen, künftig soll der Arbeiter so viel einzahlen wie ein Spitzenmanager. Das löst viele Ängste aus. Die SPD dagegen will das solidarische System nicht nur erhalten, sondern ausbauen und vor allem Gutverdienende mit hohen Kapitaleinkünften stärker zur Finanzierung der Sozialversicherungen heranziehen. Den Wahlkampf des Jahres 2006 können wir damit sehr gut bestehen.

Hildegard Müller: Auf diese Auseinandersetzung freue ich mich, denn die Wähler werden schnell merken, dass die Bürgerversicherung ihr wichtigstes Ziel nicht erreicht: Die Belastung der Arbeitseinkommen durch Sozialversicherungsbeiträge wird kaum verändert. Für die Beschäftigung bringt Ihr Modell fast nichts, Frau Nahles! Wir hingegen wollen die Gesundheitskosten komplett von den Löhnen abkoppeln…

ZEIT: …was aber von der CSU vehement abgelehnt wird. Auch Jürgen Rüttgers, der Vorsitzende der nordrhein-westfälischen CDU, will ein anderes Modell.

Müller: Mit der CSU müssen wir in der Tat noch offene Fragen klären. Aber die CDU hat ihr Reformmodell auf dem Leipziger Parteitag mit großer Einigkeit beschlossen. Ich sehe nicht, dass davon heute irgendetwas zurückgenommen werden muss, im Gegenteil. Unser Konzept ist nicht nur besser für den Arbeitsmarkt, es ist auch gerechter. Beitragssysteme haben immer den Nachteil, dass es so genannnte Bemessungsgrenzen gibt. Ab einer bestimmten Einkommenshöhe steigen die Abgaben nicht mehr. Das ändern wir.