Unbeschränkte Mobilität beginnt mit dem Griff zum Autoschlüssel, davon sind noch immer die meisten Deutschen überzeugt. Nur der eigene Wagen vor der Tür bringt mich zu jeder Tages- oder Nachtzeit problemlos von A nach B. Vorplanung ist nicht nötig, die Kosten halten sich in jenen Grenzen, die der aktuelle Benzinpreis definiert, den Weg ans Ziel weisen Auto-Atlas und Navigationsgerät. Doch die mobile Wirklichkeit sieht längst anders aus: Schneller, zuverlässiger, bequemer und billiger geht es häufig mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Wer Bus, Bahn, Fähre und Flugzeug geschickt kombiniert und im Zweifel auch vor einer Taxifahrt oder einem kurzen Fußweg nicht zurückschreckt, ist dem Autofahrer in puncto Mobilität keineswegs unterlegen.

Und das nicht nur dann, wenn man von einem ICE-Bahnhof zum anderen will. Auch auf dem Weg zwischen Kleinstädten muss der öffentliche Verkehr den Vergleich mit dem Auto nicht mehr scheuen. Zum Beispiel vom Ihlsol im holsteinischen Preetz einmal quer durch die Republik in die Klosterstraße im badischen Frauenalb. 729 Kilometer Straße liegen dazwischen, für die im Mittelklassewagen nach ADAC-Angaben 8 Stunden und 13 Minuten Fahrzeit nötig sind. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln geht es – je nach Abfahrtszeit – zwischen fünf Minuten und einer knappen Stunde schneller: zu Fuß oder per Stadtbus zum Preetzer Bahnhof, im Regionalzug über Kiel nach Hamburg, dann im ICE bis Karlsruhe und weiter mit der S-Bahn. Am Schluss bleiben sechs Minuten Fußweg, die in der Gesamtreisezeit schon einkalkuliert sind. Nur bei Nachtfahrten ist das Auto bis zu dreieinhalb Stunden schneller.

Den besten Mobilitätsplaner bietet die gescholtene Deutsche Bahn

Noch vor kurzem war ein derart detaillierter Vergleich unmöglich. Selbst ausgebuffte Fahrplan-Freaks konnten nur den Weg von Bahnhof zu Bahnhof austüfteln, die Weiterfahrt in Bus oder Straßenbahn musste vor Ort geklärt werden. Den richtigen Fußweg wiesen Passanten. Doch inzwischen lichtet sich der Wildwuchs bei den "intermodalen Verkehrsketten" – so nennen die Fachleute die Umsteigeverbindung mit Zug, Bus und anderen öffentlichen Verkehrsmitteln.

Ausgerechnet die viel gescholtene Deutsche Bahn bietet eine Internet-Reiseauskunft für den kompletten Weg von Haustür zu Haustür. Gibt es für einen Abschnitt keinen Bus, wird ein Fußweg vorgeschlagen – mit exakter Wegbeschreibung und einer Karte zum Ausdrucken. Alternativ gibt es Angaben zur Taxifahrt – auch hier mit Karte und Information zum Fahrpreis. Selbst den direkten Vergleich zum Auto scheut die Bahn nicht. Mit einem Klick lassen sich die Fahrzeiten des öffentlichen Verkehrs direkt mit dem Ergebnis des ADAC-Routenplaners vergleichen. Das überraschende Ergebnis: Egal, welche Verbindung man ausprobiert, die Fahrzeiten zwischen Auto und öffentlichen Verkehrsmitteln unterscheiden sich meistens nur um wenige Minuten. Und wer sein ökologisches Gewissen beruhigen will, bekommt auch noch den CO2-Ausstoß angezeigt. 34 Kilo verursacht der öffentliche Verkehrsteilnehmer auf dem Weg von Holstein nach Baden. Das Auto pustet 162 Kilo CO2 in die Luft.

Die Bahnauskunft ist so komfortabel, dass sie auch im Ausland gerne genutzt wird. Wer zum Beispiel auf Sizilien eine Verbindung vom Flughafen Catania nach Capo d’Orlando an der Nordküste sucht, bekommt bei www.bahn.de schnellere und bessere Auskunft als auf der Website von Trenitalia. Das hat sich herumgesprochen, und so lässt sich die Reiseauskunft der Bahn mit einem Mausklick auf Englisch, Französisch und eben auch Italienisch umschalten. Zwar gibt es bei der Bahnauskunft noch allerhand Fehler im System – zum Beispiel kann der Routenplaner nicht berücksichtigen, dass Fußgänger im Unterschied zu Autos auch durch Gebäude (Einkaufspassagen oder Bahnhöfe) laufen können, und manche Wegangabe ist sogar schlicht falsch. Doch das Prinzip stimmt: Wer verreist, will ja keine Fahrpläne studieren, sondern einfach nur wissen, wie er möglichst schnell und bequem von A nach B kommt. Moderne Verkehrstelematik – also die computerisierte Verknüpfung von Geo- und Fahrplandaten – macht’s möglich.

Noch hat das allerdings kaum jemand gemerkt. Aus unerfindlichen Gründen hat die Bahn die Bedienung ihrer Mobilitätsberatung so gut in den Unterverzeichnissen der Reisezugauskunft versteckt, dass sie nur von jedem 2000. Besucher der Website genutzt wird. Auch fehlt die Verknüpfung mit dem Flugverkehr. Schließlich stehen Billigflieger auf europäischen und längeren inländischen Strecken in scharfer Konkurrenz zu den Bahnangeboten. Spätestens hier zeigt sich, dass eine wirklich unabhängige Auskunft vom Privatunternehmen Bahn nicht erwartet werden kann. Schon vor Jahren haben Bund und EU dieses Problem erkannt und die Entwicklung öffentlicher Auskunftssysteme in Dutzenden Forschungsprojekten gefördert. Weit über 100 Millionen Euro wurden dafür bereits ausgegeben.

Langsam kommen die Ergebnisse ans Tageslicht. Zum Beispiel bei Delfi (Durchgängige elektronische Fahrplaninformation), zu der sich alle 16 Bundesländer mit der Bahn zusammengeschlossen haben. Während die Bahn für ihre Auskunft die Fahrplandaten anderer Verkehrsträger einsammelt und in ihr eigenes System integriert, greift Delfi bei einer Suchanfrage direkt auf die Datenbanken der angeschlossenen Verkehrsbetriebe zurück. Das verlängert die Antwortzeit, hat aber den Vorteil, dass auch aktuelle Fahrplanänderungen und Verspätungsinformationen berücksichtigt werden können. Das Ergebnis ist dann eine so genannte dynamische Auskunft: Der Reisende wird erst dann zum Bahnhof gelotst, wenn der verspätete Zug tatsächlich abfährt.