Die Assoziation ist vielen Autofahrern bekannt: Taucht tagsüber bei bester Sicht im Rückspiegel ein Fahrzeug mit eingeschaltetem Licht auf, handelt es sich entweder um einen Schnarchsack, einen Schweden oder einen Wichtigtuer. Der Schnarchsack hat nicht mitbekommen, dass der Tunnel längst zu Ende ist. Beim Schweden brennt Dauerlicht, weil man in Skandinavien ohne Licht gar nicht fahren darf. Und der Wichtigtuer benutzt gern – und illegal – seine Nebelleuchten, die er als so genanntes Prestigelicht missbraucht: Platz da, ich hab’s eilig! Neuerdings könnte der Erleuchtete allerdings auch ein hellwacher braver deutscher Kraftfahrer sein, der nur befolgt, was ihm bundesweit die Verkehrswacht auf großen Plakaten nahe legt: "Licht? Immer!"

Das Ansinnen leuchtet ein: Auch am Tag ist ein Auto mit Licht auffälliger als ein Auto ohne Licht. Zahlreiche Studien und Metastudien belegen: Licht am Tage macht den Verkehr sicherer. Eine Untersuchung des niederländischen SWOV-Instituts für Straßenverkehrssicherheit kommt zu einem beeindruckenden Resultat: Würde Tagfahrlicht in den Ländern der EU Pflicht, gäbe es jährlich 1,9 Millionen weniger Unfälle, 155000 weniger Verletzte und 5500 weniger Verkehrstote.

Diese überzeugenden Zahlen veranlassten bereits zahlreiche Länder, Tagfahrlicht vorzuschreiben: In Skandinavien, Estland, Lettland, Slowenien und Rumänien muss ganzjährig mit Licht gefahren werden. In Finnland, Italien und Ungarn nur außerorts. Und nur in den Wintermonaten in Tschechien, Polen und Litauen. Im kommenden Winter startet auch Frankreich einen Großversuch: Von Oktober bis März sollen die Autofahrer landesweit rund um die Uhr mit Abblendlicht fahren. Die französische Regierung erhofft sich entsprechend den guten skandinavischen Erfahrungen einen Rückgang der Zahl der Verkehrstoten um fünf bis acht Prozent. Im Erfolgsfall wird das Tagfahrlicht Gesetz. Deutschland testet noch. Die Bundesanstalt für Straßenwesen will die Ergebnisse einer eigenen Studie im März 2005 vorstellen.

Das Zögern des Bundesverkehrsministers hat mehrere Gründe. Zum einen ist noch unklar, inwieweit sich die positiven Auswirkungen des in den siebziger Jahren in Skandinavien eingeführten Tagfahrlichts auf unser Land übertragen lassen. Allerdings deuten alle Tests, unter anderem in Niedersachsen und auf Rügen, auf einen Unfallrückgang hin. Und der Tübinger Verkehrsmediziner Helmut Wilhelm betont, dass es in Schweden nicht nur viele dunkle, sondern auch viele helle Tage gibt und dass auch schon vor Einführung des Tagfahrlichts während der Dämmerung Licht eingeschaltet wurde.

Die Zahl der Greise hinterm Steuer nimmt zu, ihr Sehvermögen ab

Weitere Bedenken betreffen die Motorradfahrer. Der Automobilclub AvD fürchtet um ihre Sicherheit. Wenn alle leuchten, könnten sie weniger auffällig und darum gefährdeter sein. Zahlen aus Ländern wie Schweden, die Tagfahrlicht vorschreiben, scheinen diese Befürchtungen jedoch nicht zu belegen.

Schließlich kostet Abblendlicht Energie. Es schlägt mit rund 180 Watt zu Buche, das bedeutet einen um 0,1 bis 0,2 Liter höheren Verbrauch (auf 100 Kilometer) – ein nicht zu vernachlässigender Mehrverbrauch von bis zu vier Prozent.

Doch die Zulieferer der Automobilindustrie haben hier längst eine Lösung parat: leistungsschwache, spezielle Tagfahrleuchten mit einem minimalen Verbrauch von 6 bis 16 Watt. Hierbei werden ausschließlich zwei kleine Frontlichter eingeschaltet – die anderen Stromverbraucher wie Rücklicht und Kennzeichenbeleuchtung entfallen. Die ersten serienmäßig mit diesem speziellen Tagfahrlicht ausgerüsteten Fahrzeuge stammen aus Ingolstadt. Der Audi A6 funzelt bei Tage mit Halogenlicht. Der teure A8 mit W12-Motor besitzt gar innovative Leuchten mit weißen Leuchtdioden – sparsam, strahlmächtig und extrem lange haltbar (und bisher geradezu unbezahlbar). Wer weder warten möchte, bis das Tagfahrlicht auch in Deutschland Gesetz wird, noch bis die Automobilindustrie generell dieses Sicherheits-Feature anbietet, kann sein Auto leicht nachrüsten. Ein Nachrüstsatz "Tagfahrlicht" von Hella zum Beispiel kostet im Zubehörhandel zwischen 59 und 80 Euro und lässt sich problemlos selber montieren (Werkstatteinbau etwa 80 Euro). Für einige Golf- und Audi-Modelle gibt es auch Adapter zum formschönen Einsetzen in die Frontschürze.