Als die Anna Amalia Bibliothek in Weimar brannte, weinte neben mir eine Frau. Für Momente fand ich mein eigenes Gefühl wieder. Man steht vor den Flammen und weiß – was Goethe einst in der Hand hielt, geht in Rauch auf.

Der Schock sitzt tief. Seit einem Jahr wohne ich neben der Bibliothek, das Gebäude ist mir vertraut und ans Herz gewachsen. Der Rokokosaal in seiner Mischung aus Gelehrteninstitution und architektonischer Heiterkeit strömte einen Geist aus, der unvergleichlich war. So seltsam das klingen mag, aber der Verlust eines Stückes Kultur verursacht einen ähnlichen Schmerz, wie wenn Lebendiges dahingegangen wäre. Inzwischen ist der Dachstuhl abgeräumt, und das Haus sieht aus wie ein ausgeweideter Körper. Was verbrannt und verloren ist, gehört nicht mehr zu unserer Geschichte, unsere Geschichte aber ist zutiefst verbunden mit unserer Identität. Deshalb wohl die Depression, in die der Anblick versetzt.

Jede Identifikation mit Weimar – auch meine – läuft über so wunderbare Institutionen wie die Anna Amalia Bibliothek. Sie versinnlicht einen Kultur- und Bildungsbegriff, dem sich auch mein Kunstfest in Weimar verpflichtet fühlt. Insofern trifft das Feuer auch das Fest, entzieht ihm gleichsam den Boden. Zunächst wollte ich alle Veranstaltungen absagen. Besser und richtiger aber ist: mit Kunst auf den Verlust von Kunst zu antworten. Jetzt erst recht.

Mein Traum – bei geschlossenen Augen im Ilmpark, unter Absehung von der Wirklichkeit: das Kunstfest Weimar "pèlerinages" zu einem Festival von europäischem Rang zu machen. Ihm Kontinuität zu geben, es im Bewusstsein der Kulturmenschen zu verankern. Meinen Traum für Weimar haben schon viele vor mir geträumt: hier eine neue "Kunstperiode" zu etablieren. Möge dem Kunstfest gelingen, was weder Franz Liszt geschafft hat noch Nietzsche, wäre er geistig bei Sinnen gewesen, was weder Harry Graf Kessler noch den Bauhaus-Künstlern gelungen ist. Möge die Welt wieder auf Weimar blicken und sagen: "Wir kannten nur das bisherige Weimar, jetzt haben wir ein neues Weimar! Wie schön, dass der Mythos plötzlich wieder Blut in den Adern hat, dass er lebt und wieder auf Kunsthöhe gebracht ist. Lasst uns die Koffer packen!"

Der Traum darf alles. Auch die Wirklichkeit korrigieren. Mein Traum für Weimar ist auch ein politischer Traum. Das Gauforum in der Mitte der Stadt möge verschwinden, nie gewesen sein. Die Weimarer Republik war ein Erfolg. Hitlerdeutschland hat es nie gegeben. Weimar ist hinübergeglitten in die Moderne ohne die Nazis, Weimar ist ein geglücktes Weltgeistexperiment.

Franz Liszt sah das auch so. Und träumte hier herum. Was ist schöner, träume ich, Weimar oder Bayreuth? Bayreuth – ein Komponist und ein Haus, dagegen Weimar mit seinen vielen Genies. Es könnte doch eine künstlerische Koexistenz geben, eine einzige blühende Landschaft zwischen den nahen Städtchen. Weimar zeige der Monokultur in Bayreuth, wie viel reicher ein bunter Fächer an Kunst sein kann, wie viel mehr Erfahrung er uns gibt. Bayreuth lehre Weimar den Sinn von Ritualen. Sollte die Nachwelt mir später einmal nachsagen, ich hätte das Erbe der Väter ernst genommen, es nicht gehütet, sondern verwandelt und weitergetrieben – in Weimar –, ich wär’s zufrieden.

In der Kunst wollte ich immer tätig sein. Erst als Papis Assistentin, naturgemäß, dann als Sängerin, Tänzerin, irgendwas. Dann ist eine Germanistin aus mir geworden, mit dem Traum aller Germanistinnen, Schriftstellerin zu werden. Zur Autorin, Essayistin hab ich es gebracht, darüber ist aber der Traum von der eigenen Großfamilie draufgegangen, der Traum vom urbanen Leben mit Kindern, Hunden und Landsitz. Sehr zielstrebig wurde dieser Traum aber auch nicht verfolgt – in den siebziger Jahren, am Rande der linken Bewegung, im Universitäts- und Künstlermilieu waren Heim und Herd, Familie und Heirat als Allerletztes gefragt. Ich habe das Wanderleben bevorzugt und mir Wahlverwandte in der europäischen Kulturszene zusammengesucht – sie sind krisenfester als Familienbande. Diese Freunde und Künstler finden sich heute auf dem Kunstfest in Weimar wieder.

Der Komponist Helmut Lachenmann, den ich sehr verehre, wurde einmal zu einer Definition von Kunst genötigt: "Kunst ist ein ästhetisch sinnliches Erlebnis, eine Erfahrung, die zur Transzendenz hin offen ist." Dieser sehr weltliche, kritische Komponist betont damit die spirituelle, zeitlos-offene Ebene der Kunst, ein Kunst-Erleben, das mit Erkenntnis zu tun hat. Erkenntnis ist eine Form von Glück. Das unterscheidet Kunst vom Zeitvertreib, von der Unterhaltungskultur. Glück und Spaß sind nicht dasselbe. Hier finde ich mich, dort vermeide ich mich.