Am Vorabend der Revolte des Mai 1968 stand in der Zeitung Le Monde der denkwürdige Satz: Frankreich langweilt sich. Heute ließe sich sagen: Frankreich mault. Frankreich raunzt. Frankreich murrt. Das Volk marschiert noch nicht - wie Montag für Montag eine gewerkschaftlich mobilisierte und pastoral erweckte Minderheit im deutschen Osten. Nein, noch steigen die Franzosen nicht auf die Barrikaden, aber wie in Deutschland bestrafen sie die Regierenden an den Urnen: siehe die Regionalwahlen vom März 2004, in denen die Dominanz der Präsidentenpartei UMP in sämtlichen Bezirken gebrochen wurde, das Elsass ausgenommen.

Das Verdikt für Paris wurde durch die Wahl zum Europäischen Parlament bestätigt - für die aufgescheuchte politische Klasse ein Anlass, sich voller Passion in Personalspiele auf höchster Ebene zu stürzen, selbst während der geheiligt stillen Sommerpause, in der sich Nicolas Sarkozy, der Finanz- und Wirtschaftsminister, zu entscheiden hatte, ob er die Führung der UMP übernehmen oder seine Machtbasis in der Regierung behaupten sollte.

Entweder - oder hatte Jacques Chirac kategorisch gefordert, nachdem er den jungen, ehrgeizigen und gefürchteten Kollegen im traditionellen Fernsehgespräch am 14. Juli vor dem perplexen Publikum brüskiert hatte: Ich befehle - er führt aus. Sarkozy quittierte den Affront mit einem ungerührten Lächeln. Dann entschied er sich für die Partei - mit der Gewissheit des Jüngeren, dass er zuletzt am längeren Hebel sitze.

Staunend begafften Frankreichs Sozialisten das gewaltige Fingerhakeln. Doch die klügeren unter ihnen wissen gut genug, dass sie ihre gloriosen Siege keineswegs ihren Verdiensten in der Opposition verdanken, sondern dem schlichten Umstand, dass sie's nicht sind, die derzeit regieren. Die PS hat sich keineswegs von dem Schock der Niederlage bei den letzten Präsidentschaftswahlen und ihrem Debakel bei der Bestellung der neuen Nationalversammlung erholt. Wie denn? Sie nahm nicht einmal zur Kenntnis, dass die Fluktuation der Wählerschaft unkalkulierbar geworden ist.

Ihre Flügel sind in der Gretchenfrage nach dem Ja oder Nein zur europäischen Verfassung tief gespalten. Das unterscheidet sie von den deutschen Nachbarn.

Doch generell offenbart sich eine erstaunliche Ähnlichkeit der Lage Frankreichs mit der deutschen Situation - wenngleich seitenverkehrt: Hier sind es die Sozialdemokraten Schröders, denen die Reformen um die Ohren gehauen werden, und eine programmatisch unscharfe und zerstrittene Union kassiert nahezu traumhafte Umfragewerte und Wahlergebnisse. Im Schwesterland hinterm Rhein büßte die Sammelpartei des Präsidenten (Union de la Majorité Présidentielle) für ihren ersten Anlauf zu grundlegenden Reformen, die der französische Sozialstaat womöglich noch dringender braucht als der deutsche.

Dem biederen Vollzugsgehilfen Jean-Pierre Raffarin, den Jacques Chirac trotz des Wahldebakels in seinem Amt als Premierminister bestätigte, gelangen Korrekturen im Gesundheitswesen, das mit seinen gigantischen Defiziten und den Gewohnheitsrechten des Missbrauchs als nahezu unheilbar krank betrachtet wurde.